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u21 traude gooding Name: Traude Gooding

Geboren: 1935 in Berlin-Wedding, Schwedenstraße.

Familie und Werdegang:

Meine Mutter war Kontoristin in einem Unternehmen in der Nähe von Borsig in Berlin-Reinickendorf. Mein Vater war Maler und Tapezierer. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern.

Eingeschult wurde ich 1941. Ich erinnere mich an diese Szene – den Hitlergruß auf dem Schulhof – und empfand das damals schon als widerlich, als unsinnig, sich mit „Heil Hitler“ zu begrüßen. Ich habe deshalb immer vermieden, Erwachsene grüßen zu müssen, um diese Worte „Heil Hitler“ nicht über meine Lippen kommen zu lassen.

Aus der Schulzeit ist mir unsere erste Klassenlehrerin noch gut in Erinnerung. Sie war sehr nett. Wir wurden in diesen Schuljahren eigentlich nicht zur Konformität gezwungen. Nur, wenn hochgestellte Amtsträger wie Schulräte zu Inspektionen kamen, mussten wir uns systemkonform verhalten, wie es bei den Nazis eben so üblich war. Sonst hat man uns eigentlich nicht zu Nazis erzogen. Die Schulzeit war für mich insgesamt recht ruhig.

Die zunehmenden Bombenangriffe auf Berlin griffen dann aber immer stärker in unseren Alltag ein. Nachts gab es regelmäßig Fliegeralarm. Wir verbrachten viele Nächte im Luftschutzkeller unseres Hauses. Ich war immer die erste im Luftschutzkeller. Dort saß ich dann im Schlafanzug, mit Mantel oben drüber. Einmal schlugen die Fliegerbomben so dicht ein, dass ich dachte, unser Haus sei getroffen worden. Ich sprang im Keller vor Schrecken auf und stieß meinen Kopf fürchterlich an der niedrigen Kellerdecke. Ich trug eine große Beule davon.

Diese Geräusche, der Lärm des Bombenkrieges, sind mir unauslöschlich im Gedächtnis haften geblieben. Ich hatte immer große Angst gehabt. Denn wir wohnten in der Nähe der AEG – und dort gab es viele und regelmäßige Luftangriffe. In der Koloniestraße war die linke Straßenseite – und dort alle Gebäude – stark zerstört.

Ich habe mich viel bei meiner Oma aufgehalten – sie hat mich in der Zeit damals praktisch erzogen, war für mich wie eine Mutter. Denn wir wohnten im gleichen Haus. Am Schluss gab es kaum noch geregelten Schulunterricht. Wir gingen nur noch eine gewisse Zeit zur Schule. 1945 hat meine Oma mich dann gar nicht mehr zur Schule geschickt aus Angst, mir könnte auf dem Weg etwas Schlimmes passieren.

So kam im März 1945 meine Klassenlehrerin bei uns zu Hause vorbei und wollte wissen, warum ich nicht mehr zur Schule käme, ob ich eventuell krank sei. Meine Oma antwortete erregt: „Können Sie noch gut hören? – Sie geht nicht zur Schule, weil es zu gefährlich ist – bei all dieser Knallerei. Das kommt gar nicht in Frage.“ So war es dann auch – an einen geregelten Schulbesuch war im Chaos des zu Ende gehenden Krieges nicht mehr zu denken.

Im Oktober 1945 ging es für mich – und viele andere Kinder in Berlin – dann mit dem Schulbesuch wieder los. Ich war in der Zwischenzeit ganz dünn geworden. Meine Großeltern hatten Angst, ich könnte lungenkrank geworden sein – angesteckt in einem Luftschutzkeller während des Krieges. Ich wurde untersucht – und nach einigem Bangen stand schließlich fest: Mit mir war alles in Ordnung. Außer den Folgen des Hungerns nach dem Krieg – eine Erfahrung, die alle Menschen im besiegten Deutschland anfangs machen mussten. Bei mir kam hinzu, dass ich beim Essen wählerisch war. In dieser Zeit, die sich während der Berlin-Blockade 1948-49 wiederholte, gab es oft nur getrocknetes Essen, Kartoffeln, Karotten. Meine Oma nahm noch Nudeln dazu, um sie als so genannte Bruchnudeln mit Suppengrün zuzubereiten. Das habe ich oft tagelang gegessen – etwas anderes gab es nicht.

Meine Schulzeit endete 1950. Damals gab es nur wenige Religionslehrer, und ich bin nur selten zum Religionsunterricht gegangen. Meine Großeltern und Eltern waren nicht so stark an die Kirche gebunden. Eingesegnet wurde ich ebenfalls im Jahr 1950, am 2. April, in der St.-Paul-Kirche in der Badstraße. Es gab zu der Zeit viele Kinder. Der Pfarrer begann, Fragen zu stellen. Dem Pfarrer fiel auf, dass er zu vielen von uns nicht durchdrang. Er reagierte unwirsch. Es gab dann Kinder wie beispielsweise meine Freundin, die sagte, sie wolle sich nicht einsegnen lassen, sie wollte die Jugendweihe machen. Ich dachte zwischendurch auch so, aber das gab sich dann auch wieder.

Raum für Unterricht war knapp. Es entspannte sich, als 1950 in der Bornholmer Straße eine neue Kirche fertig gestellt wurde. Zum Konfirmandenunterricht mussten wir an Samstagen und Sonntagen kommen. Wir bastelten und häkelten, hatten den Konfirmandenunterricht. An meiner Distanz zur Kirche hat das aber für lange Zeit nichts geändert. Bis 1953 besuchte ich eine Handelsschule und habe dann viele Jahre bei den Hydra-Werken in der Drontheimer Straße gearbeitet – es ging um die Herstellung von Kondensatoren.

Mein späterer Mann, Adeniyi Gooding – ein Student aus Nigeria – studierte hier an der TFH in Berlin. Ich hatte ihn 1964 in einem Restaurant kennen gelernt. Ich arbeitete zu der Zeit in Schichten. Geheiratet haben wir 1968. Unsere Tochter Annette kam im März 1969 zur Welt. Tochter Susanne folgte im Juli 1970. Mein Sohn Michael kam – aus einer anderen Verbindung – schon 1956 auf die Welt. Er lebt seit Mitte der 1970er Jahre mit seiner Familie in Norwegen, in Kristiansand.

Im Dezember 1970 zogen wir um nach Afrika, nach Lagos in Nigeria. 1978 wurde mein Mann zu einer anderen Arbeitsstelle versetzt – so zogen wir innerhalb Nigerias erneut um, dieses Mal in den Norden des Landes, nach Kaduna. Dort gingen unsere beiden Töchter auch zur Schule. Zu Beginn unserer Zeit in Afrika – 1970 und 1971 – fand ich es furchtbar dort. Ich kannte weder Land, noch Leute. Ich fand mich in den Straßen der Großstadt Lagos nicht zurecht. Oft fragte ich mich: „Warum bist du mitgekommen?“ Zu Beginn – in den allerersten Wochen – plagte mich ein ganz handfestes Heimweh nach Berlin.

Unser Anfang war damals auch dadurch erschwert, dass bei der Reise und beim Umziehen ein Koffer gestohlen worden war – oder er ist auf dem Weg irgendwo verloren gegangen. Darin befanden sich alle wichtigen Papiere, Zeugnisse, Diplome, Dokumente – alles war weg. Der Koffer wurde später wiedergefunden – in Südafrika. Aber er war leer.

Unsere Geburtsurkunden wurden neu ausgestellt. Meine Mutter in Berlin half mir dabei, die erforderlichen Zweitschriften zu besorgen. Bei meinem Mann bestand das Dilemma darin, dass er ohne Papiere – ohne sein Diplom aus Berlin – in Nigeria keine Arbeit bekam. Wir haben deshalb ernsthaft überlegt, nach Deutschland zurückzukehren. Mein Mann hat dann aber auf einmal Arbeit gefunden. Da habe ich geheult – und zwar deshalb, weil mir dann klar wurde, dass mein insgeheim gehegter Wunsch, jetzt wieder nach Deutschland zurückkehren zu können, nicht Wirklichkeit werden würde. Ich habe lange Zeit gebraucht, um mich in Nigeria einzugewöhnen.

Im Jahr 1972 reiste ich dann noch einmal nach Berlin, weil dort mein Sohn Michael eingesegnet wurde. Ich blieb dort von Mai bis Dezember – ich hatte meine beiden Töchter dabei. In Berlin nutzte ich die Zeit, um ein paar Monate zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich habe bei der Oma meines Sohnes gewohnt, sozusagen meiner ehemalige Schwiegermutter. Als ich dann nach Nigeria zurückkam, war alles auf einmal o.k. Mein Mann hatte mir vorher noch mitgeteilt: „Wenn Du weißt, dass Du nach Nigeria zurückkommst, dann kaufe ich die Betten für die Kindern. Ansonsten komme auch ich nach Berlin zurück.“ Als wir im Dezember 1972 wieder nach Afrika zurückkamen, wusste meine Tochter Susanne am Anfang nicht mehr, dass ihr Vater Afrikaner war. Sie wollte sich zu Beginn von ihm nicht anfassen lassen. Diese Entfremdung gab sich dann aber wieder nach 3 Wochen. Annette ist mit ihrem Vater sofort wieder ganz vertraut umgegangen.

Ich habe mich dann in Kaduna sehr wohl gefühlt. Das Leben war dort schon moderner. Es gab saubere und gerade Straßen, übersichtliche Straßennamen – anders als in Lagos. Schwierigkeiten bereitete mir immer noch der Linksverkehr auf den Straßen. Der Alltag war durch den Kindergarten und die Nursery School geprägt. In Kaduna lebten damals auch viele Europäer.

Als mein Mann seine Arbeit verlor, ging er zu einer anderen Firma, die dann aber ebenfalls Pleite ging. So zogen wir 1985 nach Jos um. Wir haben dort in einem Hostel für Studenten gearbeitet. Dieses Hostel wurde dann nach einiger Zeit auch geschlossen – also war diese Arbeit auch wieder weg.

Im Jahr 1985 wurde ich krank. Es war erst nicht klar, was es war, bis sich 1986 herausstellte, dass ich an Rheuma litt. So wurden einfache Dinge für mich zu einem Kampf. Schon das morgendliche Aufstehen bereitete mir Mühe. Mein Mann machte sich selbstständig. In sein Geschäft wurde dann aber wiederholt eingebrochen, das Inventar wurde gestohlen. Wir fragten uns ernsthaft: „Halten wir dieses Leben noch länger durch?" Ich half mit, dass wir über Geld verfügten, indem ich in einer Fleischerei zu arbeiten begann.

Ich erhielt dann eine Nachricht aus Deutschland, dass mein Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte – mit Herzstillstand. Die Post kam mit 6 Wochen Verzögerung. Ich sagte: „Ich muss zurück. Ich halte es hier nicht mehr aus.“ Ich bin dann nach Deutschland zurückgegangen – zunächst alleine. Mein Mann sagte zu mir: Geh Du zuerst. Im Oktober 1989 kam ich mit Annette zurück nach Berlin. Mein Mann und Susanne kamen dann kurz vor Weihnachten 1989 nach. Noch in Nigeria hatte ich gesagt: „Die Mauer wird zu meinen Lebzeiten nicht fallen.“ Wie sehr ich mich doch geirrt hatte!

Ab Dezember 1989 fand ich Arbeit in einer Schneiderei – das ging aber nur 10 Monate lang. Ich konnte einfach das Bügeleisen nicht mehr halten. Auch das Dämpfen von Mänteln war eine Arbeit, die für mich zu schwer war. Ich wurde krank geschrieben – arbeiten konnte ich leider nicht mehr. Mein Mann hat in seinem Beruf als Elektroingenieur in Berlin keine Anstellung mehr gefunden. Er übernahm ab 1990 andere Arbeiten – wie Treppen und Büros sauber zu machen.

Ab 1995 begann er zunehmend unter Parkinson zu leiden. Auch sein Augenlicht ließ zusehends nach. Er konnte nicht mehr gut lesen. Er hat oft an sein Zuhause gedacht, an Afrika, an Nigeria. Er sagte aber auch: „Wer weiß, was aus uns in Nigeria geworden wäre – ob wir noch leben würden?“ Mein Mann hat das Leben hier akzeptiert. Manchmal hat er sich dann über seine Familie in Nigeria geärgert, die wohl dachten, wir lebten hier in Saus und Braus. Uns erreichten viele Bitten um kleine und größere Gefälligkeiten. Aber wir hatten ja auch nichts. Mein Mann hat sich darüber aufgeregt. Wir mussten uns hier ja auch nach der Decke strecken. Schließlich haben Susanne und Annette einen Brief geschrieben, wo sie unsere Lage beschrieben und baten, unseren Vater mit solchen Bitten zu verschonen.

Wie kamen Sie in die Osterkirche?

1991 zogen wir in den Sprengelkiez um. Zuvor hatten wir übergangsweise bei meiner Mutter gewohnt, in der Nähe von Schering. Ich sagte zu meinem Mann: Da um die Ecke ist eine Kirche. Mein Mann suchte die Osterkirche dann irgendwann einmal auf. Er mochte von Anfang an Pfarrer Siegfried Dehmel. Den fand er nett. Pfarrerin Stobbe fragte meinen Mann: Warum kommt Ihre Frau denn nicht auch mal zu uns? Er sagte ihr, ich sei keine Kirchgängerin. Mein Mann ging sonntags regelmäßig zu den Gottesdiensten.

Er starb im Jahr 2005. Bei der Beerdigung fragte mich Pfarrerin Stobbe, warum ich denn nicht zur Kirche komme. Auch meine Tochter Susanne ermunterte mich, doch mal dorthin zu gehen. Das war für mich der Auftakt, dann meinerseits zur Osterkirche zu gehen. Es kommt mir ein bisschen so vor, als würde ich ein Vermächtnis meines Mannes erfüllen.

Was verbindet Sie mit der Osterkirche?

Ich bin regelmäßig bei der Plauderecke. Ich genieße die Zeit, die ich dort mit Frau Ziebarth, Hilde Ziemer, Frau Haldenwanger und ihrem Mann verbringen kann. Ich finde die Menschen dort alle sehr ok. Es kommt hinzu, dass wir in der Plauderecke näher zusammensitzen. Das hat die Wirkung, dass ich die Leute gut verstehen kann, wenn sie sprechen. Mein Problem ist inzwischen, dass mein Gehör nicht mehr gut ist. In den Gottesdiensten in der Kirche würde ich deshalb kaum ein Wort verstehen. Deshalb sehe ich mir oft die Gottesdienste an den Sonntagmorgen im Fernsehen an.

Welche drei oder vier Wünsche haben Sie für die oder an die Osterkirchengemeinde?

In der Osterkirche sollte eine Vorrichtung getroffen werden, dass Menschen wie ich mit schlechtem Gehör dem Gottesdienst folgen können. Ich würde gerne hören, was gesprochen wird.

In der Osterkirche sollten vernünftige Stühle und rutschfeste Sitzkissen angeschafft werden. Wir sitzen zu hart. Auch die Tische in der Plauderecke sind sehr abgenutzt, es ist alles zerkratzt.

Ich wünsche mir, dass ich meinen Mann im Himmel wieder treffe, wenn der Tag für mich einmal kommen wird.

Was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?

Es ist der 23. Psalm: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Was ist Ihr Lieblingslied im Gesangbuch?

Nr. 266, Evangelisches Gesangbuch: Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen.