Juli 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
25 26 27 28 29 30 1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31 1 2 3 4 5

 

u20 irene goltz

Name: Irene Goltz

Geboren: 1939 in Berlin-Wedding.

Familie und Werdegang:

Die Heimat meiner Mutter war Holstein, und die meines Vaters Ostpreußen (Justerburg). Berlin wurde für beide die Wahlheimat. Meine Mutter war bis 1930 als Hausangestellte mit Kinderbetreuung bei einer jüdischen Familie im Hansaviertel tätig. Als mein Bruder 1930 geboren wurde, fand seine Taufe in der Kapernaumkirche statt. Zu der Zeit wohnten meine Eltern in der Transvaalstraße im Wedding und zogen später in die Sprengelstraße.

Im Juni 1939 war ich 3 Monate alt, als ich in der Osterkirche die Heilige Taufe empfing. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges haben meine Eltern meinen Bruder und mich die ersten drei Jahre liebevoll umsorgt, bis die Luftangriffe auf Berlin immer heftiger wurden. Die meiste Zeit verbrachten wir mit Hausbewohnern im Luftschutzkeller. 1943 wurden wir dann nach Ostpreußen evakuiert. Mein Vater wurde nach Frankreich abkommandiert. Als Soldat kehrte er wieder in sein Ostpreußen zurück, aber nur für 3 Tage Fronturlaub, die für uns ein Geschenk Gottes waren.

Ungefähr neun Monate genossen wir hier das ruhige Landleben – und die Lage in Berlin hatte sich normalisiert, glaubten wir zunächst und kehrten wieder zurück. Aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Schon wenige Wochen später wurde die Osterkirche, die nur 1 Minute von unserem Haus entfernt lag, bei einem Luftangriff der Engländer schwer getroffen. Das ganze Umfeld und die Seitenstraßen brannten lichterloh. Nach dieser Gespensternacht wurden wir im Morgengrauen ein zweites Mal evakuiert. Es ging ums nackte Überleben. Unser neues Domizil hieß Neudorf, Kreis Schwerin an der Warthe, was jetzt zu Polen gehört. Meine Mutter teilte meinem Vater mit, wo wir untergebracht waren. Später erhielten wir eine Feldpostkarte meines Vaters – jedes Wort war für uns wie Gold. Er befand sich in Italien, in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Als gelernter Bäcker wurde mein Vater für die Heeresbäckerei eingesetzt und backte Brot für die Soldaten. Wieder nur 3 Tage Fronturlaub wurden ihm bewilligt, die wir gemeinsam in Neudorf verbrachten.

Nach ca. einem Jahr wurde diese ländliche Idylle zerstört, als die Russen alle Dörfer besetzten. Von da an war Schlachteverbot, und alle Frauen wurden zu schwerer Feldarbeit verpflichtet, sonst gab es kein Brot. Nun kümmerte sich mein Bruder rührend um mich und beschützte und behütete mich, bis auch er zur Feldarbeit eingezogen wurde. Abends drangen die Russen in die Bauernhäuser ein und verspeisten alles, was sich in den Räucherkammern befand. Mein Bruder musste ihnen auf seinem Akkordeon vorspielen – das Instrument hat er nie wieder gesehen.

Nach dem verlorenen Krieg wurden alle Ländereien und die Viehzucht der Bauern enteignet. Bevor für uns der Treck nach Berlin im August 1945 losging, haben die Russen unseren ganzen Besitz beschlagnahmt. Vollkommen mittellos kehrten wir zurück. Alles in Berlin lag in Schutt und Asche. Ich wurde eingeschult, die Fenster der Klassenzimmer waren mit Pappe benagelt und ungeheizt, als im Winter die eisige Kälte einsetzte. Am allerschlimmsten war der unbeschreibliche Hunger, der uns fast das Leben gekostet hätte. Aber Gott wollte uns noch nicht bei sich haben.

Mit Dankbarkeit blicke ich dabei auf Familie Haldenwanger zurück, die uns ein Stück Brot und Kartoffeln brachte, die sie auch gebrauchen konnten, denn es war ja eine 7-köpfige Familie. Die Jüngste von Haldenwangers, Elisabeth, holte mich immer zum Kindergottesdienst ab. Wir besuchten uns gegenseitig, es wurde oft musiziert. Drei Geschwister spielten Klavier, und Martha, Georg und mein Bruder Geige. Ich hatte nur meine Blockflöte und war von Haldenwangers Klavier nicht mehr wegzukriegen, erzählte mir Martha – eine Freundschaft, die schon 66 Jahre besteht.

1946 kehrte mein Vater aus der amerikanischen Gefangenschaft wieder heim, dafür dankten wir Gott. Während ich die Schulbank drückte, lernte mein Bruder bei der Post. In späteren Zeiten wurde er Postobersekretär. Wir Geschwister hatten ein sehr inniges Verhältnis, auch die Musik verband uns, die ein großer Bestandteil unseres Lebens war. Mein Vater befasste sich viel mit Kunstmalerei. Und meine Mutter erfreute sich über ein Gemälde oder ein Hauskonzert ihrer Kinder. Immer faltete sie ihre Hände zu einem Gebet, sowie einer von uns aus dem Haus ging. Zum Schluss sagte sie: Gott schütze dich.

Am 22. März 1953 wurde ich in der Osterkirche eingesegnet. Geweckt wurde ich morgens mit den ersten Frühlingsblumen aus unserem Garten. Wir hatten damals drei Pfarrer. Pfarrer Laubvogel mit den meisten Konfirmanden musste an zwei Sonntagen die Einsegnungen durchführen, es müssen ca. 80 gewesen sein.

Als wir Konfirmanden vom Pfarrer in die Kirche geführt wurden, setzte feierlich die Orgel ein: „Jesus geh voran, auf der Lebensbahn.“ Die Gemeinde erhob sich, viele hatten Tränen in den Augen. Nach Aufruf begaben sich immer 4 Konfirmanden gemessenen Schrittes zum Altar, wir knieten auf einer Bank nieder und erhielten unseren Segen. Alles wurde einen Tag vorher eingeübt. Mein Konfirmationsspruch: Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Und diese Liebe schenkten mir meine Eltern und mein Bruder.

Eine wunderschöne Gedecktasse mit Blumendekor brachte mir Martha Haldenwanger als Einsegnungsgeschenk, das war schon meine erste Aussteuer.

Nach der Schulzeit lernte ich drei Jahre lang Einzelhandelskauffrau (Damenoberbekleidung), blieb noch einige Jahre im Beruf und wechselte später in die Pharmazie (Produktion) über, um Geld zu verdienen, von dem ich leben konnte. Endlich bekam ich ein Klavier und nahm Unterricht im klassischen Fach. Besonders Mozart steht bei mir ganz oben. So wurde das Klavier bis heute mein „Lieblings-Möbelstück“.

Ich bereiste 22 Länder. Ein unvergessenes Erlebnis war die 3-wöchige Rundreise durch Israel, als ich auf den Spuren Jesu wandelte. Aber richtig erholt habe ich mich immer im wunderschönen Oberallgäu. Dort machte ich 10 Jahre hintereinander Skiurlaub.

Kulturelle Veranstaltungen nehmen bei mir schon immer einen großen Platz ein. Mal steht ein Theater- oder Opernabend auf dem Programm, eine Ballettvorstellung, vor allem Konzerte. Die Philharmonie, in der ich Stammgast bin, besuchte ich mit Martha und Ruth Haldenwanger, als die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach aufgeführt wurde.

1999 trat ich in den Ruhestand und machte viele Tagesfahrten mit der Ostergemeinde, worüber ich 2 Jahre für das Gemeindeblatt schrieb. Nicht zu vergessen war die Fahrt nach Leipzig, als ich in der Thomaskirche, in der Johann Sebastian Bach 25 Jahre als Musikdirektor wirkte, ein Konzert des Leipziger Gewandhausorchesters und des Thomanerchores besuchte.

Als unsere Osterkirche die Berliner Tafel (Laib und Seele) einführte, spendete ich 1 ½ Jahre belegte Brote für Bedürftige. Aber mein größeres Anliegen war, die Kirchenkasse ein wenig aufzubessern. Also standen Handarbeiten, Basteln und Zeichnen auf meinem Stundenplan. Mit einer Vielfalt handgezeichneter Weihnachtsartikel, Kerzen, Süßigkeiten und Kosmetik machte ich 3 Jahre bis 2008 einen Weihnachtsbasar. Das Geld spendete ich zur Bauunterhaltung der Osterkirche und zum Erhalt der Orgel, was ich jetzt im privaten Kreis fortsetzen werde – ohne Basar.

Wie kamen Sie in die Osterkirche?

Weil mich früher nur wenige Schritte von der Osterkirche trennten. Und das Glockengeläut war schon einladend.

Was verbindet Sie mit der Osterkirche?

Als ich vor 35 Jahren nach Reinickendorf zog, hätte ich mich in einer anderen Kirche fremd gefühlt und wollte weiterhin der mir so vertrauten Osterkirche angehören.

Welche Wünsche haben Sie für die oder an die Osterkirchengemeinde?

Es müssten wieder mehr Menschen in die Kirche eintreten. Dadurch würde sich auch die Anzahl der Konfirmanden erhöhen und natürlich die Kirchensteuern.

Und ich wünsche mir, dass uns der Gemeindekirchenrat von Herrn Engelhardt, Pfarrerin Unterdörfel, Herrn Sprenger und Herrn Gumbert erhalten bleibt.

Dann denke ich noch, wie schön es wäre, wenn Martin Blaschke mal wieder alle Pfeifen unserer Orgel zum Erklingen bringen würde.

Mit dem „Laudate omnes gente, Laudate Dominio“ sorgte Frau Irina Brockert mit ihrem wunderbaren Chor für einen Ohrenschmaus. Vielleicht könnte es wiederholt werden.

Was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Was ist Ihr Lieblingslied im Gesangbuch?

Das Halleluja / Jesus ist auferstanden.