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u19 kaethe glaeserName: Käthe Gläser, geb. Staffehl

Geboren: 1921 in Berlin-Moabit, Turmstraße. Ich wurde zu Hause geboren.

Familie und Werdegang:

Ich war das jüngste Kind des Ehepaares Fritz und Anna Staffehl. Ich hatte noch 2 Geschwister: Charlotte, die bei meiner Geburt schon 10 Jahre alt war, und Helmut, der damals 6 Jahr alt war. Mein Vater stammte von den Hugenotten ab, der Name schrieb sich ursprünglich Staffél. Von Beruf war er Bibliothekar in Tiergarten. Er war Beamter.

Als ich 5 Jahre alt war, starb er im Alter von 42 Jahren an einer Lungenentzündung – viel zu früh. Das war für mich ein großer Verlust, weil mein Vater immer viel mit mir gespielt hatte. Durch ihn kam ich früh mit Büchern in Berührung, lernte plattdeutsche Lieder von Fritz Reuther kennen, einem Dichter aus der Fontane-Zeit. Durch meinen Vater kam meine frühe gute Bildung in musischen Dingen. Er hatte mich im Februar 1926 noch in der Schule angemeldet. Ende Februar war er dann tot. Meine Mutter war Expedientin, sie verwaltete die Lagerbestände in einem Pusamentierunternehmen, da ging es um Knöpfe, Faden, Stoffe, also um so genannte Kurzwaren.

Meine Mutter musste sich anschließend die vielen Jahre mit der Beamtenrente durchschlagen. Das wenige Geld verwaltete sie so, dass sie jeden Monat einen Umschlag mit dem Geld für die Miete und dann einen Umschlag mit dem Geld für die Schule zur Seite legte. Ich habe aus meiner Kinderzeit meine Mutter als wunderbare Person in Erinnerung. Mein Vater hatte in den wenigen Jahren sehr positiv auf mich gewirkt, meine Mutter war demgegenüber immer übervorsichtig mit mir. Vielleicht wirkte da der Verlust ihres Mannes nach. Auf mich wirkte diese Übervorsicht, als ich älter wurde, zunehmend einengend. Zu Hause ging es bei uns materiell eher karg zu. Wir Kinder waren gewohnt, dass unsere Mutter nach der Schule immer für uns da war.

Meine Schulzeit begann 1927. Meine Schule befand sich in der Bochumer Straße im Hansaviertel. Ich hatte viele jüdische Mitschülerinnen und Mitschüler. Im Hansaviertel gab es damals ein jüdisches Bürgertum, das in schönen großzügigen Vorderhauswohnungen lebte. Meine jüdischen Mitschüler entstammten kulturell gepflegten Haushalten. Die Väter waren Oberstudienräte, Stadträte – eben durchaus gehobenes Bürgertum. Ich hingegen entstammte einer Kleinbeamtenfamilie. Der familiäre Stand spielte damals eine große Rolle. Dem gegenüber warben die Nazis zunehmend erfolgreich mit ihrem egalitär klingenden Anspruch, dessen doppelten Boden in Form eines vernichtenden Rassismus’ damals viele übersahen.

In der Schule habe ich viel gelernt. Die deutschen Klassiker Goethe und Schiller, eine gediegene musische Erziehung. Aber 1933 waren erste Risse in dieser heilen Welt zu sehen. Eine Lehrerin musste gehen, weil sie der SPD angehörte. Solche Fälle häuften sich. Meine Schulzeit endete 1935 – da war ich 13 Jahre alt.

Ich kam früh in die Moabiter Heilandsgemeinde. Dort wirkte ich ab 1933, da war ich 12 Jahre alt, im Kinderchor mit. Auch nahm ich am Kindergottesdienst teil. Die Fahrten, die wir mit der Gemeinde machten, waren für mich immer kleine Fluchten aus der mütterlichen Überfürsorge, die ich genoss. 1935 wurde ich in der Heilandskirche konfirmiert. Vorangegangen war ein strenger und regelmäßiger Unterricht bei Pfarrer Möller, zwei Mal pro Woche.

Meiner Mutter war ein typisches Beamtenbewusstsein eigen. Ihr Motto lautete: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. So war ihre Haltung zu den Nazis ab 1933 eher unpolitisch und neutral. Ich wurde in den Strom der von den Nazis entfachten Begeisterung zunehmend hineingezogen. Meine Gottesdienstbesuche wurden unregelmäßiger, am Chor nahm ich nicht mehr so oft teil wie noch zuvor. Ich schloss mich dann dem BDM an, dem Bund Deutscher Mädchen.

1935 wollte ich Kindergärtnerin werden. Das hätte bedeutet: 3 Jahre Ausbildung auf der Pestalozzischule – und 90 Mark Schulgeld pro Monat. Das war finanziell nicht möglich. Meine Mutter sagte mir dann: Du hättest in der Wahl Deiner Eltern vorsichtiger sein müssen. So trat ich 1935 ein sogenanntes Landjahr an, und zwar in Ostpreußen. Ich meldete mich an – und meine Mutter stimmte dem erst nach zweitägigem Zögern zu. Es ging für 2 Wochen in die Nähe von Tannenberg. Wir waren auf einem ehemaligen Gutshof untergebracht. Die Mahlzeiten nahmen wir im Lager ein, und wir arbeiten pro Tag 6 Stunden bei einem Bauern. Zwischen 1936 und 1939 machte ich dann eine Ausbildung als Blumenbinderin.

Eine gute Freundin von mir, Waltraud Wieschendorf, die gegen die Nazis war, fragte mich 1937 und 1938, als die Nazis ihre Maske der „Wohlanständigkeit“ immer mehr fallen ließen, immer drängender: „Kathi, was sagst Du jetzt?“ Mein Bruder Helmut machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, als er mir ins Gesicht sagte: „Kathi, weißt Du eigentlich, dass sie aus Judenhaut Lampenschirme machen?“ Ich war damals aber noch zu naiv und wohl auch zu nazi-gläubig, so dass mich diese kritischen Töne nicht erreichten – ich wollte es wohl nicht glauben.

Ein Schock – wie ein jähes Aufwachen aus meinem Eifer für die „deutsche Volksgemeinschaft“ – war für mich die so genannte „Reichskristallnacht“ im November 1938. Nachmittags am 9. November 1938 –ich kam gerade von der Berufsschule zurück – sah ich, wie SA-Männer jüdische Geschäfte zerstörten – auch die Geschäfte von den Eltern von Schulfreundinnen. Ich hatte viele Schulfreundinnen, die aus jüdischen Elternhäusern kamen. So traf mich dieser Ausbruch an Gewalt fast persönlich. Ich lief heulend durch die Straßen nach Hause. Als mich ein SA-Mann fragte, warum ich heulte, hatte ich Angst, meinen wahren Grund zu offenbaren. Ich sah die Synagoge in der Levetzowstraße brennen. Später waren dann die Familien meiner jüdischen Freundinnen weg.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges machte ich eine Fahrt nach Himmelpfort. Wir fuhren über Ravensbrück. Am Streckenrand sahen wir Frauen, die als Gleisarbeiterinnen eingesetzt waren – in Sträflingskleidung. Meine Schwester Lotti sagte mir: „Du willst es nicht begreifen. Hier werden junge Frauen zu Schwerstarbeit eingeteilt.“ Ich fragte: „Was haben sie denn verbrochen?“ Ich war wohl eine Meisterin des Verdrängens – wie so viele damals.

Später – 1939 - meldete ich mich freiwillig zum Reichsarbeitsdienst nach Ostpreußen. Das war für mich auch ein Schritt in mehr Selbstständigkeit, sozusagen ein Ausbruch aus dem heimatlichen Schutzschild. Bis 1941 war ich dann eingesetzt, wiederum in Ostpreußen. Mein Bruder Helmut war an der Front, meine Mutter war derweil allein in Berlin.

1943 sah ich nach einem Bombenangriff auf Berlin, wie der Turm der Heilandskirche stundenlang brannte. Ich hatte schon vorher mit ansehen müssen, wie unser Haus nach einem Angriff – von Bomben getroffen - abbrannte. Es gab einen großen Brandsturm – große Rußflocken flogen durch die Luft.

Im Rückblick ist mir klar geworden, dass ich damals verführt und verbohrt war. Ich war in den Nazijahren weit weg von unserem Herrgott. Mir hat damals, als ich jung und verführbar war, wohl mein Vater sehr gefehlt. Er hatte Prinzipien. Er hätte mir, als ich es gebraucht hätte, sicher viele Ratschläge und Hinweise gegeben.

Ich hatte lange Zeit große Schuldgefühle dadurch, dass ich den Nazis nachgelaufen bin, dass ich eine Anhängerin der Nazis war. Heute weiß ich: Gott hat mir vergeben – ich habe ihn oft um Vergebung gebeten. Nach dem Krieg durchlief auch ich ein Verfahren im Rahmen der Entnazifizierung. Als so genannte „Mitläuferin“ wurde ich mit einer Strafe von 50 Mark belegt. Aber ich weiß, dass ich nach dem Krieg bitter für meine Schuld auf andere Weise bezahlt habe.

Als der Krieg zu Ende war, standen wir da: ausgebombt, meine Mutter und ich. Meine Mutter bekam in den Jahren 1945 bis 1947 keine Pension mehr. Ich arbeitete und verdiente 127 Mark. Meine Mutter ging beim Superintendenten saubermachen.

Meinen späteren Mann lernte ich über die Superintendentur über 3 Ecken kennen. In der Konditorei Heft lernte ich meinen späteren Mann kennen. Bei einem Bäcker, ein Freund des Superintendenten, konnte ich arbeiten. Dort arbeitete auch ein Bäcker namens Gläser. In der Stube der Bäckerei saß eines Nachmittags die kleine Monika, die Tochter von Bäcker Gläser. Ich machte ihr einen Kakao – damals war Blockadezeit. Der besagte Herr Gläser hatte, wie ich dann erfuhr, seine Frau durch die Russen verloren. Der Sohn Harry (1950 war er 15 Jahre alt) und die kleinere Schwester Monichen (sie war 1950 sieben Jahre alt) hatten keine Mutter mehr.

So kam es: Ich lernte Bäcker Gläser in der Backstube über den Kakao für Klein-Monika kennen, sicherlich auch ein bisschen angebandelt von der Chefin dieser Konditorei, die dort das Zepter führte. Ich sah dann, dass Herr Gläser ohne Socken herumlief. Das hat mir Leid getan. Ein Mann ohne Socken und mit zwei Kindern ohne Mutter – mir war irgendwie sofort klar, dass dieser Mann wieder eine Mutter für die Kinder brauchte. Die Chefin bestärkte mich in diesem Gedanken. Es kam, wie es kommen musste. Bei einer Ausstellung über Konditoreiwesen lernten wir uns näher kennen, und uns beiden war klar: Wir wollen unseren weiteren Lebensweg gemeinsam gehen.

So heirateten wir 1950 und ich wurde Frau Gläser. Ich liebte Kinder ja immer sehr, konnte aber selbst durch die Russen keine Kinder bekommen. So ging ich mehr und mehr mit viel Freude in dieser “Patchwork-Familie“ auf. Wir waren zwar eine zusammengewürfelte Familie, zusammengewürfelt vom Schicksal. Aber wir waren eine Familie, die nach und nach einen großen Zusammenhalt entwickelte und beibehielt – bis heute. Wir haben uns bis heute lieb. Es war zwischendurch und vor allem am Anfang durchaus öfter mal anstrengend. Aber letztlich hat alles gestimmt. Wir waren nie vermögend. Aber wir haben zusammengehalten und wir waren zusammen glücklich. Es ist alles sehr gut gelaufen mit den Kindern. Wir haben unseren inneren Reichtum erfahren.

Aber auch Schicksalsschläge sind uns nicht erspart geblieben. Mein Sohn ist an Krebs gestorben. Meine Tochter ist an Krebs erkrankt, hat diese Krankheit aber überwunden. Als mir mein Arzt eröffnete, dass auch ich an Krebs erkrankt bin, hat er mich immer gut unterstützt, als ich ihm sagte, dass ich keine Chemotherapie machen wollte. Ich habe keine Angst vor dem Tod.

Ich sage: Mal sehen, was der Herrgott noch mit mir vorhat. Ich bin durch die Krankheit innerlich ruhig geworden. Ich bin voller Vertrauen in Gott. Ich fühle mich bei Gott in guten Händen.   Pfarrer Dehmel hat mir dabei sehr geholfen.

Wie kamen Sie in die Osterkirche?

1974 zogen mein Mann und ich in den Sprengelkiez um. Von unserer Wohnung aus kann man die Osterkirche sehen und hören. Ab und zu gingen wir zum Gottesdienst, immer am Heiligen Abend, aber während des Jahres nicht so regelmäßig. Meine alte Schulfreundin Walle, von der zuvor schon die Rede war, hat mich besucht und hat uns zur Bibel zurückgeführt. Kurz bevor 1989 mein Mann starb, sagte er mir noch: „Mit der Walle bleibe zusammen. Sie hat ja so recht.“

Diese Worte und dieser Rat haben mir sehr geholfen. Aber ich habe 5 bis 6 Jahre gebraucht, den Tod meines Mannes zu überwinden. Ich habe ihn sehr vermisst. Er war immer sehr vorsichtig mit mir, weil ich gesundheitlich ja durchaus auch fragil war. Er hat immer nur auf mich Rücksicht genommen.

Was verbindet Sie mit der Osterkirche?

Von 1995 an hatte ich im Harz einen älteren Mann kennen gelernt. Mein Leben spielte sich dann 13 Jahre dort ab – ich war immer nur mal wieder zwischendurch auf Stippvisite hier im Wedding. Meine Besuche in der Osterkirche waren in der Zeit eher selten.

Jetzt bin ich aber wieder in „meinem“ Sprengelkiez. Ich bin wieder zu Hause – auch in der   Osterkirchengemeinde. Ich fühle mich durch die Gemeinde und in der Gemeinde angenommen. Ich mache beim Bibelgesprächskreis von Pfarrer Dehmel mit. Seit kurzem habe ich ein Hörgerät. Seitdem kann ich wieder gut hören und am Leben voll teilhaben. Außerdem bin ich in der Seniorengruppe bei Pfarrerin Unterdörfel, wo ich mich auch sehr wohlfühle.

Ich würde mich hier gerne aktiver betätigen – zu Fragen des Glaubens, aber auch zu sozialen Fragen. Das habe ich früher intensiver gemacht. Ich habe jetzt angefangen zu malen und über mein Leben zu schreiben. Ich werde dieses Jahr 90 Jahre alt, so Gott will.

Ich fühle mich in der Osterkirchengemeinde geborgen, wie zu Hause. Man kann über eigene Gefühle mit anderen Menschen sprechen. Es gibt ein Klima des Vertrauens und der Offenheit. Ich habe viele gute Gespräche mit anderen Menschen geführt.

Welche drei oder vier Wünsche haben Sie für die oder an die Osterkirchengemeinde?

Ich wünsche der Osterkirchengemeinde, dass

  • uns Pfarrerin Unterdörfel lange erhalten bleibt – und auch Pfarrer i.R. Dehmel;
  • Pfarrer Dehmel sein Versprechen halten und bei meinem Begräbnis zugegen sein kann;
  • das Thema „Stühle“ bald erledigt wird – bei den Senioren ist es ein großes Thema und bringt Unruhe; die Menschen driften deshalb auseinander;
  • Frieden in der Gemeinde herrschen möge – das ist anders und viel besser geworden; früher wurde allzu oft hinter dem Rücken Anderer geredet.

Was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?

Für mich gibt es drei Stellen in der Bibel, die mir viel bedeuten:

Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. (Matthäus 28, 20)

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (der gesamte 23. Psalm)

Die Lobgesänge des 103. Psalms: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen.

Was ist Ihr Lieblingslied im Gesangbuch?

„Die güldne Sonne“ und insgesamt die Lieder Paul Gerhards.