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u17 friedrich wasserfallName: Friedrich Waßerfall

Geboren: 1939 in Berlin-Spandau.

Familie und Werdegang:

Mein Großvater war Amtsgerichtsrat in Potsdam. Er fiel 1916 im Ersten Weltkrieg. Mein Vater war Apotheker. Später eröffnete er ein Geschäft in Brieselang. Meine erste Erinnerung an den Krieg war der 14.4.1945. Damals wurden Potsdam, Berlin und Nauen aus der Luft bombardiert. Ich sah das brennende Berlin aus der Entfernung. Unsere Flucht begann an diesem Apriltag. Wir wurden gestoppt durch die Elbe und dadurch, dass ich die Masern bekam. Ein russischer Militärarzt betreute mich – und dann ging es mit meiner Mutter und meinem Bruder zurück nach Brieselang.

Die Schule besuchte ich zunächst in Brieselang. 1951 erfolgte unser offizieller und auch genehmigter Umzug nach Berlin (West). In Berlin besuchte ich das Gymnasium in Steglitz und machte 1959 mein Abitur. Ich hatte schon länger den Wunsch und das Ziel gehabt, Theologie zu studieren. Das tat ich dann auch – zunächst an der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf und am Sprachenkonvikt in der Borsigstraße, in der Nähe des Nordbahnhofes. Es muss dann 1961/62, also nach dem Mauerbau in Berlin, gewesen sein, dass ich mein Theologiestudium in Heidelberg fortsetzte. 1964 legte ich mein erstes und 1966 schließlich mein zweites Examen ab.

1966 wurde ich in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Generalsuperintendent Helbig zum Pfarrer ordiniert. Meine erste Pfarrstelle war dann in der Evangelischen Osterkirchengemeinde in Berlin-Wedding – zunächst zum Pfarrer-Hilfsdienst, 1967 dann zum offiziellen Gemeindepfarrer.

Wie kamen Sie in die Osterkirchengemeinde?

Na ja, 1966 – ganz genau am 1. Mai – begann für mich die Zeit in der Osterkirchengemeinde. Den Wedding kannte ich bis dahin noch gar nicht. Mein Revier waren Steglitz und Zehlendorf, auch Berlin-Mitte um den Nordbahnhof, wo ich als Student vorher oft zu tun hatte.

Es war damals an der Ev. Osterkirchengemeinde eine sehr schöne Zeit. – zusammen mit Pfarrer Kroll und Pfarrer Belan.

Ich war sozusagen in der Nachfolge von Pfarrer von Bargen tätig, dessen Spuren durch 40-jähriges Wirken in der Gemeinde noch lange sichtbar gewesen sind. Ein ehemaliger Pfarrerkollege, der 2009 noch 100 Jahre alt geworden war, kannte Pfarrer von Bargen noch persönlich aus dessen Zeit am Baumschulenweg.

Die Osterkirchengemeinde war damals, 1966 und 1967, zahlenmäßig noch sehr groß. Circa 12.000 Gemeindeglieder und drei Pfarrerstellen, der Gottesdienst und die Kindergottesdienste waren gut besucht. Meine Frau hatte damals ihre Arbeit bei der Post aufgegeben. Mit den beiden damaligen Diakonissen – Schwester Else und Schwester Lisbeth – arbeitete meine Frau mit, um viele Angebote aufzubauen – zum Beispiel die sogenannte „Einsamenfeier“ am Heiligen Abend: Dort trafen sich an den Heiligen Abenden ca. 40 Personen, um gemeinsam zu kochen, zu essen und zu feiern. Auch die sogenannte „Lichterweihnacht“ gab es damals – zur Mitternacht hin.

Wir waren – wie man heute sagen würde – gut vernetzt zum Weddinger Rathaus und zu der Katholischen Kirche. Über dieses Beziehungsgeflecht wurden wir damals gefragt: Wollte Ihr eine Partnerschaft mit dem Kirchenkreis in der Kalahari in Botswana aufnehmen? Wir sagten „ja“, und so nahm dieses Projekt, das es bis heute noch gibt, seinen Anfang. 1969 erhielten wir Besuch von Superintendent (Dean) Bruekstein. Er kam nach Berlin, und mit ihm unter anderen eine Frau Lühling, eine Missionarin. 1972 erfolgte dann der Gegenbesuch in der Kalahari, der einen lebhaften Austausch einleitete. Mit in die Kalahari reisten neben mir damals der spätere Berliner Propst und damalige Direktor des Berliner Missionswerks, Herr Hollm.

Mich hat dieser Besuch in der Kalahari sehr berührt und geprägt. Zu sehen, wie die Menschen dort lebten, die Buschmänner, mit ihren ganz verschiedenen Traditionen, Lebensformen und Anschauungen – und doch zu wissen, dass wir durch den Glauben an den Dreieinigen Gott miteinander verbunden waren, hat mich tief beeindruckt. Wir waren in der Kalahari-Wüste – wir sprechen manchmal ja auch von der „Wüste Großstadt“, also einem unwirtlichen Ort, der mit den bescheidenen Wohn- und Lebensverhältnissen im Wedding damals den Menschen viel abverlangte. Jetzt erlebten wir, was „Wüste“ wirklich bedeutet.

Ich erinnere mich an einen Gottesdienst abends in einer Kirche dort in der Kalahari. Ich saß ganz vorne, vor uns intonierte ein Terzett „Stille Nacht, heilige Nacht“. Die Kinder, die auch in der Kirche waren, schliefen auf den Schößen ihrer Eltern. Am nächsten Tag wurden wir in einer Schule empfangen. Vor uns standen die circa 600 Schülerinnen und Schüler und sangen „Sah ein Knab ein Röslein stehn“.

Zurück in Berlin wurde das alljährliche „Büchsenfest“ zu Gunsten des Missionsprojektes in der Kalahari ins Leben gerufen. Ich finde es schön, dass es dieses Büchsenfest bis heute gibt, dass immer noch Geld gesammelt und Unterstützung organisiert wird.

Was verbindet Sie mit der Osterkirche?

Mich verbindet mit der Osterkirchengemeinde bis heute ihre Offenheit. So wie damals lädt sie auch heute Menschen ganz unterschiedlicher Hintergründe und Herkünfte ein, geht auf diese Menschen zu. Damals, 1988 und 1969, als vor allem in Berlin die Studentenbewegung auf ihrem Höhepunkt war, war die Kirche auch für diese Studenten geöffnet. Es herrschte viel Bewegung – und das hat allen gut getan.

Dieser offene Geist ist in der Osterkirchengemeinde heute immer noch zu verspüren. Es sind andere Zeiten, es sind andere Menschen. Aber es gibt unverändert viele Menschen, die das Gemeindeleben tüchtig und ideenreich mitgestalten. Diese vielen Ehrenamtlichen sind ein Schatz.

Drei Wünsche an die Osterkirchengemeinde:

Bleibt, wie Ihr seid.

Bleibt an dem Ort im Wedding aktive Gemeinde.

Lebt als Gemeinde und geht als Gemeinde in die Zukunft.

Meine Lieblingsstelle in der Bibel:

Psalm 127, vor allem der Vers 2.

(1) [Ein Wallfahrtslied Salomos.] Wenn nicht der Herr das Haus baut, / müht sich jeder umsonst, der daran baut. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, / wacht der Wächter umsonst.

(2) Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht / und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; / denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.

(3) Kinder sind eine Gabe des Herrn, / die Frucht des Leibes ist sein Geschenk.

(4) Wie Pfeile in der Hand des Kriegers, / so sind Söhne aus den Jahren der Jugend.

(5) Wohl dem Mann, der mit ihnen den Köcher gefüllt hat! / Beim Rechtsstreit mit ihren Feinden scheitern sie nicht.

Mein Lieblingslied im Gesangbuch:

„Jesus Christus herrscht als König“, Nr. 123. Dem Verfasser dieses Kirchenliedes, Phillip Friedrich Hiller, widerfuhr damals Dramatisches: Er verlor im Dienst seine Stimme. Fortan widmete er sich dem Dichten von Kirchenliedern.

Was ich am Schluss noch sagen möchte:

Jürgen von Manger hat immer gesagt: „Bleiben’se Mensch.“ Da hatte er völlig Recht. In die Weddinger Theologie übersetzt kann man es so ausdrücken, wie es mir ein Gottesdienstbesucher mal gesagt hat: „Herr Pfarrer, Sie sind ja gar kein richtiger Pfarrer, sie sind ja so ein richtiger Mensch.“ Ich habe erst wohl etwas verdutzt dreingeschaut, habe mich dann aber dafür entschieden, dass dies als ein dickes Kompliment gemeint war. So denke ich bis heute.