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Urgesteine

Urgesteine und Gesichter der Gemeinde – hier geht es um Menschen, die der Gemeinde die Treue halten und die sich für die Gemeinde einsetzen. Durch ihr Wirken im Alltag holen sie tagtäglich ein Stück Himmel zu uns auf die Erde herunter, denn sie leben Nächstenliebe und Geschwisterlichkeit. Auch auf solche "Steine" ist die Osterkirchengemeinde gebaut. Um diese Menschen geht es hier - wir stellen sie seit 2008 im Gemeindeblatt "Osterkirche" vor und erfahren etwas über unseren Nächsten, oft viel Interessantes über die Osterkirchengemeinde, über Berlin und den Sprengelkiez. Diese "Urgesteine" sind uns, die wir noch jünger sind, ein Vorbild, was Engagement und Präsenz in der Gemeinde anbetrifft.

Wie kamen sie in die Osterkirchengemeinde? Was haben sie erlebt, was hat ihr Leben geprägt? Welche Rolle spielt(e) die Osterkirchengemeinde im Leben dieser "Urgesteine"? Welche Wünsche haben diese Menschen für die Osterkirchengemeinde? Welche Bibelstellen und Lieder im Gesangbuch sind diesen Urgesteinen wichtig - und warum? Wir erfahren hier viel über die Menschen, die wir hier befragt haben - und als Gemeinde wird uns bewusst, wie wichtig die Kirchengemeinde diesen Menschen war oder noch ist.

u01 elisabeth menzeName: Elisabeth Menzel

Geboren: 1920 in der Sprengelstraße. Mein Vater war bei der Post, die Mutter war Hausfrau.

Meine ersten Stationen: Zur Grundschule ging es eine Straße weiter zur Tegeler Straße (heute: Gebrüder-Grimm-Schule). Danach ging ich zum Lyzeum und machte meinen Abschluss mit Mittlerer Reife. Anschließend besuchte ich die Haushaltungsschule und noch ein halbes Jahr die Handelsschule – hier setzte der Beginn des Zweiten Weltkrieges ein vorzeitiges Ende. Meine erste Berufsstation trat ich als Kontoristin und Stenotypistin an.

Meine Familie: Ich habe am 13. April 1946 in der Osterkirche geheiratet, also vor 62 Jahren. Die Osterkirche war durch den Krieg noch stark in Mitleidenschaft gezogen worden, deshalb fand die Trauung in einem der Gemeindesäle statt, dort, wo heute Wohnungen sind. Die Organistin, Frau Borchert, war zum festgesetzten Zeitpunkt noch nicht da, wir mussten warten, bis sie von ihrer Wohnung am Nordufer geholt wurde. Anstatt einer Orgel, die nach dem Krieg danieder lag, gab es damals nur ein Harmonium.

u02 elisa kieselbachName: Elise Kieselbach

Geboren und Kinderzeit: 1922 in Pasewalk bei Ueckermünde – wir waren 7 Jungs und 5 Mädchen; davon leben heute noch 5 Mädchen und 2 Jungs.

Der Vater war Bahnarbeiter, meine Mutter auch. Später waren beide Schrankenwärter. Die ganze Familie ist dann in den Kreis Prenzlau umgezogen. Wir hatten eine gute Kindheit. Unsere Eltern haben uns alles erklärt – vor allem, dass wir uns auswärts nicht immer so benehmen durften, wie wir es in der großen Familie zu Hause oft gemacht haben.

Meine ersten Stationen: Mit 14 Jahren, also 1937, ging ich nach der Schule nach Berlin. Ich arbeitete zuerst in einer Bäckerei in der Norweger Straße, in der Nähe der Bornholmer Straße. Ich habe mitgeholfen beim Backen – aber ich habe keine Gesellenprüfung gemacht, weil ich Angst vor der Prüfung hatte. In der Bäckerei war ich „Mädchen für alles“ – ich arbeitete im Haushalt, beim Backen und beim Verkaufen im Laden. Ich war noch nie für das Schriftliche geboren – meine Schwester konnte das gut, ich nicht. Ich bin jemand, der mit den Händen arbeiten muss und will.

u03 hilde ziemerName: Hildegard Ziemer

Geboren und Kinderzeit: Mai 1920 in Berlin-Friedrichshain in der Nähe der Oberbaumbrücke als erstes von zwei Kindern.

Mein Vater war Arbeiter, meine Mutter war Hausfrau und Heimarbeiterin. Sie starb schon früh, da war ich 11 Jahre alt. Mein Vater starb, da war ich 17 Jahre alt.

Meine ersten Stationen: Ich begann eine Lehre als Hutmacherin, die ich aber abbrechen musste, als mein Vater starb. Ich arbeitete dann als Hausmädchen.

Meine Familie: 1942 heiratete ich meinen Mann – er kam extra zur Hochzeit von der Front in Kiew zurück. 3 Wochen waren wir zusammen, dann musste er zurück in den Krieg ziehen. Vermisst und nie wieder aufgetaucht war er dann 1944 bei Gefechten in Russland. Mein bzw. unser erstes Kind – ein Mädchen, sie hieß Waltraud – wurde 1942 geboren. Es starb 1944 bei einem Luftangriff, als es mit vielen anderen Menschen verschüttet wurde. 1947 wurde meine Tochter Heidemarie geboren. 1950 lernte ich meinen zweiten Mann – Otto - kennen, 1951 haben wir geheiratet. Beruflich war er Eisenmaler bei der Firma Peine – er malte große Brücken an und solche Sachen. Ich arbeitete als Näherin in einer Schneiderei. 1951 wurde Sohn Hans geboren, im Jahr 1957 die Tochter Ilse.

2012 Martha-Haldenwanger kl P1020624Name: Martha Haldenwanger

Geboren und Kinderzeit:

1927 bin ich in Berlin-Schöneberg geboren und im April in der Apostel-Paulus- Kirche getauft worden.

Ich durfte zusammen mit meinen jüngeren Geschwistern, einem Bruder und drei Schwestern, die alle noch in Berlin leben, eine glückliche Kindheit verleben. Mein Bruder hat sich mit seiner Frau auch wieder in die Osterkirchengemeinde umgemeinden lassen, eine Schwester gehört noch zum Kreis „Frauen in Beruf und Ruhestand“.

Zu Hause wuchsen wir durch gemeinsames Singen, Beten und Lesen – damals besonders der Geschichten des Alten Testaments, da diese in unserer Schulzeit nicht auf den Plänen des Religionsunterrichts stehen durften – früh in ein christliches Familienleben hinein. Für diesen Segen bin ich unseren Eltern, die für Notleidende und Ratlose stets ein offenes Haus hatten, besonders dankbar.

u05 barbara charadeName: Barbara Charade

Geboren, Kinderzeit und Familie:

1946 in Berlin-Wedding. Ich bin in jedem Falle ein Weddinger Urgestein und habe schon immer im Sprengelkiez gewohnt.

Meine Mutter ist 1992 mit 92 Jahren gestorben – sie lebte Zeit ihres Lebens in der Torfstraße. Mein Vater lebte später, nach der Scheidung meiner Eltern, im Rheinland. Ich habe 1965 geheiratet, 1966 kam das erste Kind zu Welt. Ich habe 2 Söhne und eine Tochter. Von der Tochter, die in der Stockholmer Straße – ebenfalls im Wedding – wohnt, habe ich eine inzwischen 16-jährige Enkeltochter.

Meine weiteren Stationen:

Nach der 9-jährigen Schulzeit war ich zuerst ein Jahr an der Haushaltsschule. Anschließend lernte ich für 3 Jahre in einem Schreibwarengeschäft. Beruflich ging es danach für 8 Jahre in den Hydra-Werken in der Drontheimer Straße weiter. Seit 1961 arbeitete ich dort in der Produktion von Radio- und Fernsehgeräten – es ging vor allem um die Herstellung von Röhren und Kondensatoren. Ab 1967 arbeitete ich dann bei der AEG im Schichtdienst, das machte ich drei Jahre lang. Mit meinem Mann wechselten wir uns in den Schichten so ab, dass wir gleichzeitig die Kinder zuhause großziehen konnten. 1971 ging ich zur Firma Gegenbauer. Bis 1990 arbeitete ich bei dieser großen Reinigungsfirma. Seit 1990 bin ich arbeitsunfähig geschrieben. Mein Mann und ich ließen uns im Jahr 1980 scheiden. Mein Mann starb im Jahr 1992.

u06a ruth kohlhoffName: Ruth Kohlhoff

Geboren, Kinderzeit und Familie: 1930 in Berlin.

Ich hatte noch einen 7 Jahre älteren Bruder, der 1941 auf der Krim fiel. Es war das erste schlimme Erlebnis in meinem Leben, und ich erinnere mich noch heute daran, als der Einschreibebrief kam und mein Vater ihn mit zitternden Händen öffnete.

Meine Eltern erzogen mich streng. Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit waren Selbstverständlichkeiten. Mein Vater war Lehrer und für mich ein Vorbild. Meine Mutter war eine fromme Frau, die schon früh bei mir die Freude an biblischen Geschichten weckte und mich regelmäßig zum Kindergottesdienst schickte, der in der Hitlerzeit nur von drei Kindern besucht wurde, da zur gleichen Zeit auch Dienst bei den Jungmädeln angesetzt war.

 Reimer Piening IMG 0125

Name: Reimer Piening

Geboren: 1934 in Hamburg.

Familie und Werdegang:

Mich über mich selbst als „Urgestein“ der Osterkirchengemeinde zu äußern, kommt mir, mit Verlaub gesagt, doch irgendwie etwas befremdlich vor: fast wie bei dem Spruch „Der Gast, vors Gästebuch gezerrt, empfindet viel Verdruss, er fühlt sich aufs WC gesperrt, obwohl er gar nicht muss.“ Und dann bin ich ja überhaupt kein Freund von allem, was nach Lobhudeleien riecht und in diesem Fall sogar nach „Eichenlaub“. Schließlich sind wir als Jesus-Anhänger ja doch alle „unnütze Knechte“ (Lukas 17, 10).

Und Urgestein? Urgestein als das ganz tief liegende irdische Fundament der Gemeinde? Da komme ich mir eher wie ein Faktotum vor als wie jemand, der mal für das ganze sachliche, geistige und nicht zuletzt geistliche Leben der Osterkirchengemeinde verantwortlich war und sich daher jetzt eher zurückhalten muss, um die Verantwortung der-, dem- und denjenigen zu überlassen, die jetzt das äußerliche, geistige und nicht zuletzt geistliche Leben und Geschehen der Gemeinde initiieren und ausrichten müssen.

u08 siegfried dehmel

Name: Siegfried Dehmel

Geboren: 1935

Familie und Werdegang: Zwei Tage nach meinem 10. Geburtstag – Mitte Februar 1945 – gingen meine Eltern mit mir und meiner jüngeren Schwester von Schlesien aus auf die Flucht in Richtung Riesengebirge in den Sudentengau, weil die russische Front bedrohlich näher rückte.

Mein Geburtsort ist ein Dorf (Hartliebsdorf) in der Nähe von Löwenberg/Niederschlesien. Dort war mein Vater in der dritten Generation der Schmiedemeister des Ortes. Bald nach Kriegs­ende kamen wir wieder in unser Dorf zurück, und im Juni 1946 ging es endgültig mit einem der letzten Güterzüge nach Westen. In der Nähe von Hildesheim fanden wir in einem größeren Dorf (Algermissen) ein neues Zuhause.

Nach dem Ende der Schulzeit begann ich eine Lehre als Kunst- und Bauschlosser. Ich strebte auf dem zweiten Bildungsweg ein Studium als Landmaschinenbau-Ingenieur an.

u09 georg haldenwangerName: Georg Haldenwanger

Geboren: 1929 in Berlin auf dem Wedding

Familie und Werdegang: Sohn des Gemeindediakons an der Osterkirche. Drittes von fünf Kindern, alles Schwestern.

Ich wohne mit meiner Frau in Spandau. Wir haben 3 Kinder: einen Jungen, 44 Jahre alt, und die Mädels, 43 und 37 Jahre alt. Hinzu kommen 3 Enkelkinder - und der Urenkel ist unterwegs.

Mein beruflicher Werdegang hat sich aus der Kriegs- und Nachkriegszeit entwickelt: Oberschule und „mittlere Reife“.

Mit 15 Jahren, in den Sommerferien 1944, wurde ich bis Ende Dezember kriegsdienstverpflichtet zum Bauen von Schützen- und Panzergräben hinter der Ostfront. Im Januar 1945 Flucht, zurück nach Berlin. Dort wurde ich sofort zum Volkssturm eingezogen. Nach Kriegsende, im Mai 1945, ging ich wieder zur Schule. Viele Schulkameraden waren gefallen, viele kamen als Schwerverletzte zum Unterricht, andere sind in Gefangenschaft geraten.

Uns fiel es schwer, am Unterricht teilzunehmen. Wir, die Jahrgänge 28 und 29, hatten alle ein Jahr verloren. Außerdem war die Zeit mit Hamsterfahrten und Schwarzmarkt knapp, um am Unterricht 100%ig teilzunehmen. In dieser Zeit überlegten wir Schüler, von der Schule abzugehen. Die Klasse wiederholen wollten wir nicht. Viele sind ausgewandert, andere sind abgegangen, um einen „praktischen Beruf“ zu erlernen. Dazu gehörte 1947 auch ich, zum Verdruss meines Vaters. Ich wurde Gärtner.

u10 gisela ziebarthName: Gisela Ziebarth

Geboren: 1943 in Habelschwerdt

Familie und Werdegang: Ich bin als fünftes von sechs Kindern in Schlesien geboren. Am Ende des 2. Weltkrieges floh meine Mutter mit uns nach Pr. Oldendorf (Westfalen-Lippe), wo ich leider ohne Vater aufgewachsen und zur Schule gegangen bin.

Der Liebe wegen ging ich 1966 nach Berlin. Im Mai 1967 heirateten wir in der Nazareth-Kirche. Wir haben drei Töchter (geboren in den Jahren 1968, 1971 und 1975).

Unsere älteste Tochter wurde noch in der Nazareth-Kirche getauft, denn wir kamen erst 1969 durch unseren Umzug in den Sprengelkiez in die Ostergemeinde.

Von diesem Zeitpunkt an fanden Taufen, Konfirmationen und Trauungen unserer Kinder in der Osterkirche statt. Auch unser Enkel wurde in der Osterkirche getauft.

u11 erika hauserName: Erika Hauser

Geboren: geboren 1939 in Berlin-Reinickendorf

Familie und Werdegang: Ich bin das vierte Kind meiner Eltern, insgesamt waren wir zu Hause sieben Geschwister – vier Jungen und drei Mädchen.

Unsere Eltern waren evangelisch, meine Mutter war sogar ausgeprägt lutheranisch geprägt und hat uns Kinder auch in diesem Geiste erzogen. Mein Vater hat seine Beziehung zur Religion, zu seinem Glauben, im Krieg verloren. Er wurde schwer verwundet und hat immer gegrübelt: Warum hilft Gott nicht? Wo bleibt die Hoffnung?

Eingesegnet wurde ich in Berlin-Heiligensee im Jahr 1955. Neu und ungewohnt war für mich, dass mich Nachbarn und Lehrer ab diesem Tage siezten. Zur Konfirmation musste jede und jeder von uns eine Bibelstelle auslegen. Bei mir war es das Gleichnis von Jesus als Sämann. Erst später habe ich die Botschaft dieses Gleichnisses so richtig verstanden.

u12 hans-peter meyendorfName: Hans-Peter Meyendorf

Geboren wurde ich 1955 in der badischen Kleinstadt Oberkirch am Rande des Schwarzwalds, umgeben von Weinbergen im Osten und Obstplantagen bis zum Horizont im Westen, nur durch ein paar Kilometer von der französischen Lebensart getrennt.

Familie und Werdegang: Meine Eltern, Nachkriegsflüchtlinge aus dem Berliner Umland, verspürten, als ich so ungefähr den 6. Geburtstag erreicht hatte, ein nicht mehr zu bremsendes Heimweh. Und so zogen wir 1961 nach Berlin Moabit. Schon unsere damalige Adresse war (das wusste ich damals aber nicht) nur etwa einen Kilometer von der Osterkirche entfernt.

Da ich, im Gegensatz zu meinen Eltern, von der Idee, nach Berlin umzuziehen, nicht wirklich begeistert war, beobachtete ich diese Stadt mit Argwohn und Skepsis. Schnell wuchs in mir die Überzeugung: wenn du hier Erfolg haben möchtest, musst du entweder Zirkusclown oder Polizist werden.

Und genau das waren meine Berufswünsche, die ich in einer Konfirmandenstunde dem Pfarrer vortrug. Da wir schon eine gewisse Wegstrecke miteinander verbracht hatten, glaubte er mich etwas realistischer einschätzen zu können und war der Meinung, ich müsse unbedingt etwas im sozialen Bereich machen, etwas mit Kindern oder Jugendlichen, möglicherweise bei einer Kirchengemeinde. Nun ja, dass er ein scharfsinniger Beobachter war, wusste ich bereits. Dass er auch prophetische Fähigkeiten hatte, wurde mir schon bald mehr als deutlich.

u14 marga dolinskiName: Marga Dolinski

Geboren: 1949 in Rotterdam

Familie und Werdegang: Mein Vater war Holländer, meine Mutter ist Berlinerin. Ich hatte noch einen Bruder. Mein Vater war Dachdecker und meine Mutter gelernte Apothekenhelferin. Sie arbeitete dann aber als Schneiderin.

1950, da war ich 1 Jahr alt, zog meine Familie von Rotterdam nach Berlin um. Wir wohnten damals in Mariendorf. Mein weiterer Weg war erst die Grundschule und dann die Absolvierung der Hauptschule.

1964 begann ich eine Lehre als Friseurin. Da habe ich vielen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf gewaschen – auch einem jungen Herrn (der damals auch noch viele Haare auf dem Kopf hatte), für den ich mich näher zu interessieren begann. 1968 heirateten wir und zogen um in den Wedding, in den Sprengelkiez. Seitdem wohnen wir am Nordufer, Ecke Samoastraße.

Ich arbeitete hier im Kiez in einem Friseursalon in der Burgsdorffstraße weiter. 1971 wurde unsere Tochter Bettina geboren, 1973 Sohn Thorsten. Es war praktisch: Im Friseurladen konnte ich einen Laufstall aufstellen, dort sah uns dann meine Tochter bei Frisieren zu. So konnte ich meinen Beruf weiter ausüben, ohne dass meine Kinder in irgendeiner Form darunter zu leiden hatten.

u13a johanna ecksteinName: Johanna Eckstein

Geboren: 1935 in Berlin-Schöneberg

Familie und Werdegang: Mein Vater war Tischler, meine Mutter war Hausfrau. Als ich 3 Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Moabit. 1940 wurde mein Vater in die Wehrmacht eingezogen. 1944 wurde er dann in Russland als vermisst gemeldet. Das war für meine Mutter, aber auch für mich, ein schwerer Einschnitt im Leben.

Die Kriegszeit war insgesamt sehr schwer. 1941 kam ich in die Schule. Diese Schule wurde aber 1942 geschlossen. So kam ich 1942 nach Fürstenberg an der Oder – das heißt heute Eisenhüttenstadt. Dort ging ich für ein weiteres Jahr zur Schule. Daran schloss sich ein Jahr Schulzeit in Oberschlesien an. Meine Mutter und ich wohnten bei Verwandten meines Vaters.

Als im Jahr 1944 die Vermisstenmeldung zu meinem Vater kam, sagte meine Mutter: Was sollen wir hier noch? Los, wir gehen zurück nach Berlin.

In Berlin waren 1944 schon alle – bzw. die allermeisten – Schulen geschlossen. Einen ordentlichen Schulbetrieb gab es nicht mehr. So unterrichtete mich meine Mutter zu Hause. Sie war meine Lehrerin. Sie brachte mir alle wichtigen Dinge bei.

u15 erika gutjahrName: Erika Gutjahr, geborene Schiemann

Geboren: 1916 in Genthin

Familie und Werdegang: Mein Vater arbeitete bei der Eisenbahn am früheren Lehrter Bahnhof in Berlin – dort, wo jetzt der neue Berliner Hauptbahnhof steht. Meine Mutter war zu Hause für uns Kinder da. Ich wuchs zusammen mit meiner Cousine auf.

Konfirmiert wurde ich in der Dankeskirche – wohlgemerkt: in der alten Dankeskirche, die im Krieg leider zerstört worden ist. Ich war aktiv in der Jugendarbeit der Stadtmission. Immer wieder erlebten wir gemeinsame Tage in „Sonnenland“ (Gartenfelde). Auf dem Programm standen Bibelarbeit und gemeinsame Freizeitgestaltung.

Ich besuchte die Mittelschule bis zur 10. Klasse. Dann arbeitete ich nach meiner Ausbildung 1931 ab Jahresanfang 1932 als Kontoristin beim Bekleidungsunternehmen Rudolf Herzog in der Breiten Straße in Mitte, am Spittelmarkt. Ich war dort auch als Verkäuferin tätig. Diese Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Von der Wohnung in der Reinickendorfer Straße im Wedding legte ich den Weg morgens zur Arbeit und abends zurück nach Hause immer zu Fuß zurück – für jeden Weg waren das 50 Minuten.

u16 gabriele lindenmuellerName: Gabriele Lindenmüller

Geboren: in Neuburg/Donau, bin so alt bzw. jung wie die BRD...

Familie und Werdegang:

Als kleines Mädchen zog ich mit meinen Eltern und meinen zwei älteren Brüdern nach Berlin-Schöneberg. Ich verlebte eine behütete Kindheit zwischen Apostel-Paulus-Kirche, Rathaus Schöneberg und dem Stadtpark mit dem goldenen Hirsch (Stadtpark Schöneberg). Meine zweite Heimat neben dem „schönen Schöneberg“ war Weißensee. Dort hatten meine Oma und auch schon meine Urgroßeltern eine urberliner Gaststätte mit Fassbrause aus dem Hahn, einem schönen Garten und einem Schäferhund namens „Drusus“. Da meine Eltern Berliner waren, ich aber nun mal in Bayern das Licht der Welt (bzw. den weißblauen Bayernhimmel) erblickt hatte, beschlossen sie, dass ich auf jeden Fall mit „Spreewasser“ getauft werden müsste. Das geschah dann auch im zarten Alter von 1 ½ Jahren in der Pfarrkirche Weißensee.

u17 friedrich wasserfallName: Friedrich Waßerfall

Geboren: 1939 in Berlin-Spandau.

Familie und Werdegang:

Mein Großvater war Amtsgerichtsrat in Potsdam. Er fiel 1916 im Ersten Weltkrieg. Mein Vater war Apotheker. Später eröffnete er ein Geschäft in Brieselang. Meine erste Erinnerung an den Krieg war der 14.4.1945. Damals wurden Potsdam, Berlin und Nauen aus der Luft bombardiert. Ich sah das brennende Berlin aus der Entfernung. Unsere Flucht begann an diesem Apriltag. Wir wurden gestoppt durch die Elbe und dadurch, dass ich die Masern bekam. Ein russischer Militärarzt betreute mich – und dann ging es mit meiner Mutter und meinem Bruder zurück nach Brieselang.

Die Schule besuchte ich zunächst in Brieselang. 1951 erfolgte unser offizieller und auch genehmigter Umzug nach Berlin (West). In Berlin besuchte ich das Gymnasium in Steglitz und machte 1959 mein Abitur. Ich hatte schon länger den Wunsch und das Ziel gehabt, Theologie zu studieren. Das tat ich dann auch – zunächst an der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf und am Sprachenkonvikt in der Borsigstraße, in der Nähe des Nordbahnhofes. Es muss dann 1961/62, also nach dem Mauerbau in Berlin, gewesen sein, dass ich mein Theologiestudium in Heidelberg fortsetzte. 1964 legte ich mein erstes und 1966 schließlich mein zweites Examen ab.

u18 eberhard gutjahrName: Eberhard Gutjahr

Geboren in dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg in unsere Stadt Berlin "zurückkam", nachdem die deutschen Truppen ihn in viele Länder Europas gebracht hatten: l943 in Berlin-Mitte (Augusta-Hospital, Scharnhorststr).

Familie und Werdegang:

Die Katastrophe von Stalingrad an der Wolga (Kapitulation am 31. Januar 1943) wurde zum Wendepunkt des Russlandfeldzuges und des Krieges überhaupt und zum Zeichen der deutschen Niederlage. Meine Großeltern väterlicherseits wohnten in der Lynarstr. 16 (Ecke Tegeler Str.) am S-Bahn-Ring. Seit 1942 lebten auch meine Eltern mit in dieser Wohnung. Meine Großmutter war über viele Jahre schwer krank und wurde von Mitgliedern der Ostergemeinde oft besucht, besonders auch von dem Pfarrehepaar von Bargen. Mein Vater ging als Schüler gern in den Kindergottesdienst (über 100 Kinder), mein Großvater war im Gemeindekirchenrat.

u19 kaethe glaeserName: Käthe Gläser, geb. Staffehl

Geboren: 1921 in Berlin-Moabit, Turmstraße. Ich wurde zu Hause geboren.

Familie und Werdegang:

Ich war das jüngste Kind des Ehepaares Fritz und Anna Staffehl. Ich hatte noch 2 Geschwister: Charlotte, die bei meiner Geburt schon 10 Jahre alt war, und Helmut, der damals 6 Jahr alt war. Mein Vater stammte von den Hugenotten ab, der Name schrieb sich ursprünglich Staffél. Von Beruf war er Bibliothekar in Tiergarten. Er war Beamter.

Als ich 5 Jahre alt war, starb er im Alter von 42 Jahren an einer Lungenentzündung – viel zu früh. Das war für mich ein großer Verlust, weil mein Vater immer viel mit mir gespielt hatte. Durch ihn kam ich früh mit Büchern in Berührung, lernte plattdeutsche Lieder von Fritz Reuther kennen, einem Dichter aus der Fontane-Zeit. Durch meinen Vater kam meine frühe gute Bildung in musischen Dingen. Er hatte mich im Februar 1926 noch in der Schule angemeldet. Ende Februar war er dann tot. Meine Mutter war Expedientin, sie verwaltete die Lagerbestände in einem Pusamentierunternehmen, da ging es um Knöpfe, Faden, Stoffe, also um so genannte Kurzwaren.

 

u20 irene goltz

Name: Irene Goltz

Geboren: 1939 in Berlin-Wedding.

Familie und Werdegang:

Die Heimat meiner Mutter war Holstein, und die meines Vaters Ostpreußen (Justerburg). Berlin wurde für beide die Wahlheimat. Meine Mutter war bis 1930 als Hausangestellte mit Kinderbetreuung bei einer jüdischen Familie im Hansaviertel tätig. Als mein Bruder 1930 geboren wurde, fand seine Taufe in der Kapernaumkirche statt. Zu der Zeit wohnten meine Eltern in der Transvaalstraße im Wedding und zogen später in die Sprengelstraße.

Im Juni 1939 war ich 3 Monate alt, als ich in der Osterkirche die Heilige Taufe empfing. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges haben meine Eltern meinen Bruder und mich die ersten drei Jahre liebevoll umsorgt, bis die Luftangriffe auf Berlin immer heftiger wurden. Die meiste Zeit verbrachten wir mit Hausbewohnern im Luftschutzkeller. 1943 wurden wir dann nach Ostpreußen evakuiert. Mein Vater wurde nach Frankreich abkommandiert. Als Soldat kehrte er wieder in sein Ostpreußen zurück, aber nur für 3 Tage Fronturlaub, die für uns ein Geschenk Gottes waren.

u21 traude gooding Name: Traude Gooding

Geboren: 1935 in Berlin-Wedding, Schwedenstraße.

Familie und Werdegang:

Meine Mutter war Kontoristin in einem Unternehmen in der Nähe von Borsig in Berlin-Reinickendorf. Mein Vater war Maler und Tapezierer. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern.

Eingeschult wurde ich 1941. Ich erinnere mich an diese Szene – den Hitlergruß auf dem Schulhof – und empfand das damals schon als widerlich, als unsinnig, sich mit „Heil Hitler“ zu begrüßen. Ich habe deshalb immer vermieden, Erwachsene grüßen zu müssen, um diese Worte „Heil Hitler“ nicht über meine Lippen kommen zu lassen.

2012 Christa Paul kl DSCN0412Name: Na, wer kennt mich (nicht) ? Christa Paul

Geboren Januar 1935 in Berlin im Paul-Gerhard-Stift.

Familie und Werdegang:

Aufgewachsen bin ich im Wedding, in der Neuen Hochstraße. Meine Mutter war Modellschneiderin, mein Vater Konstrukteur.

Mit 4 Jahren hatte ich ein einschneidendes Erlebnis: Vater und Mutter hingen mit unglaublich betroffenem Gesichtsausdruck am Volksempfänger (Radio): Der Krieg war ausgebrochen. Bei den Kämpfen vor Moskau (Rshew) wurde mein Vater als Kanonenfutter verheizt. Nun musste meine ängstliche Mutter mich, ihr einziges Kind, alleine durchbringen.

Wir zogen zu Verwandten nach Schlesien, um den Berliner Bombennächten zu entgehen. Daraus ergab sich, dass wir mit den Schlesiern vor der Russischen Armee herflüchten mussten, teils hinter Ochsenkarren her, teils in völlig überfüllten Zügen bei Tieffliegerangriffen und durch brennende Städte hindurch. Da habe ich beten gelernt. Es kamen freikirchliche Frauen durch den Zug und sagten uns: „Betet, das ist jetzt die einzige Hilfe!“ - Ja, wie denn? Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm ? - „Das auch, aber sagt Ihm eure Angst und bittet Ihn um Hilfe, dass wir hier alle heil herauskommen und Gott uns auch weiterhin in unserem Leben führt und leitet.“ Eine Frau in unserem Abteil betete mit uns. Ich betete still weiter. Seitdem habe ich nicht mehr damit aufgehört.