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u15 erika gutjahrName: Erika Gutjahr, geborene Schiemann

Geboren: 1916 in Genthin

Familie und Werdegang: Mein Vater arbeitete bei der Eisenbahn am früheren Lehrter Bahnhof in Berlin – dort, wo jetzt der neue Berliner Hauptbahnhof steht. Meine Mutter war zu Hause für uns Kinder da. Ich wuchs zusammen mit meiner Cousine auf.

Konfirmiert wurde ich in der Dankeskirche – wohlgemerkt: in der alten Dankeskirche, die im Krieg leider zerstört worden ist. Ich war aktiv in der Jugendarbeit der Stadtmission. Immer wieder erlebten wir gemeinsame Tage in „Sonnenland“ (Gartenfelde). Auf dem Programm standen Bibelarbeit und gemeinsame Freizeitgestaltung.

Ich besuchte die Mittelschule bis zur 10. Klasse. Dann arbeitete ich nach meiner Ausbildung 1931 ab Jahresanfang 1932 als Kontoristin beim Bekleidungsunternehmen Rudolf Herzog in der Breiten Straße in Mitte, am Spittelmarkt. Ich war dort auch als Verkäuferin tätig. Diese Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Von der Wohnung in der Reinickendorfer Straße im Wedding legte ich den Weg morgens zur Arbeit und abends zurück nach Hause immer zu Fuß zurück – für jeden Weg waren das 50 Minuten.

Der Jugendkreis in der Stadtmission hat mir und meinem Leben Struktur gegeben. Es ging dort um die Festigung des Glaubens. Man war dort unter Gleichaltrigen – das bedeutete auch, man konnte sich langsam über viele gemeinsame Aktivitäten kennenlernen. Meinen späteren Ehemann Hellmuth habe ich dort auch kennengelernt. Es war gut, dass man sich dort in der Gruppe sozusagen beobachten konnte. Das Kennenlernen konnte somit behutsam erfolgen – es lief nicht sofort auf eine traute Zweisamkeit hinaus. Diese stellte sich erst nach und nach ein. Diese frühe Gemeinschaftserfahrung hat uns tief geprägt. Was ich in der Stadtmission erlebt habe, war die Herausbildung und Festigung eines richtigen Freundeskreises – mit Freundschaften, die ein ganzes Leben gehalten haben.

Mein späterer Ehemann war von Jugend an in der Osterkirche aktiv. Nach dem langen Kennenlernen im Jugendkreis der Stadtmission heirateten wir 1942 in der Osterkirche. Pfarrer Teichmann traute uns. Mein Mann war in der Lynarstraße im Sprengelkiez aufgewachsen. Die Wohnung seiner Eltern wurde unsere erste Wohnung als Ehepaar.

Als im November 1943 bei einem Bombenangriff auf Berlin das Wohnhaus zerstört worden war, fanden wir Aufnahme bei einem Stadtmissionar, der in der Nazarethkirchstraße am Leopoldplatz wohnte. Dort erlebten wir – teilweise im Keller wohnend – das Ende des Krieges.

Mein Mann war zuerst kaufmännischer Angestellter bei Borsig. Während des Krieges wurde er „uk“ gestellt – das heißt: unabkömmlich. Mein Mann war für mich und die Kinder also auch während der Kriegsjahre ständig präsent. Wir wohnten auch nach dem Krieg am Leopoldplatz.

Mein Ehemann hat für mich gelebt, ich habe für ihn gelebt. Es war ganz selbstverständlich, dass wir uns aufeinander verlassen konnten und uns ständig bei allen Dingen unterstützt haben. Wir haben das Leben als Zusammenleben, als Einheit verstanden. Das war ganz selbstverständlich.

Wie kamen Sie in die Osterkirche, und was verbindet Sie mit der Osterkirche?

Die Verbindung zur Osterkirchengemeinde war von Anfang an gegeben – vor allem durch meinen Mann. Auch für mich war die Osterkirche eine feste Größe. Zur Nazarethkirchgemeinde hatte ich kein enges Verhältnis. Ich fühlte mich zur Osterkirchengemeinde hingezogen – eben durch meinen Mann. So spielte sich mein Leben zwischen der Nazarethkirchstraße 49 und der Osterkirche im nahen Sprengelkiez ab.

Ein besonders enges Verhältnis hatten wir zu Pfarrer von Bargen, der während der Nazizeit der Bekennenden Kirche angehörte. Er hat meine Schwiegermutter in der Lynarstraße damals regelmäßig zu Hause besucht, als sie gichtkrank war. Wahrscheinlich war deshalb Pfarrer von Bargen von Anfang an und bis zuletzt so etwas wie unser „Familienpfarrer“. Wir pflegten – und pflegen - eine enge Freundschaft mit der ganzen Familie von Bargen.

Bei uns zu Hause am Leopoldplatz in der Nazarethkirchstraße gab es einen „Hauskreis“. Der traf sich regelmäßig mittwochs. Mein Mann hielt dort Bibelstunden – der Hauskreis bestand aus 20 bis 25 Menschen, die regelmäßig zusammenkamen. Ich half bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Hauskreis-Treffen. Mein Mann war langjähriges GKR-Mitglied bei Oster und hatte als Schwerpunkt seiner Arbeit die Jugendarbeit der Osterkirchengemeinde. Mein Mann arbeitete seit 1945 als Religionslehrer. Ich tippte die Zeugnisse für seine Schülerinnen und Schüler, hunderte, Jahr für Jahr. Ich unterstützte meinen Mann auch in seiner Leidenschaft als Chronist des Gemeindelebens.

Ich sang im Oster-Chor mit, der von Herrn Bobe geleitet wurde. Unsere 3 Kinder – Eberhard war der Älteste – gingen jeden Sonntag um 11:30 Uhr in die Osterkirche zum Kindergottesdienst. Am Ostermorgen fand der Gottesdienst am Plötzensee statt. Es gab gemeinsame Dampferfahrten mit der Osterkirchengemeinde. Bis vor circa 5 – 7 Jahren besuchte ich sonntags immer den Gottesdienst in der Osterkirche. Mein letzter Gottesdienstbesuch in der Osterkirche war, als Pfarrerin Elke Unterdörfel in ihr Amt eingeführt wurde.

Für uns als Eltern war es wichtig, dass unsere drei Kinder in der Kinder- und Jugendarbeit der Ostergemeinde verwurzelt und gut aufgehoben waren. Es gab dort zu Mauerzeiten unter anderem viele Freizeiten in Lübars.

Unsere Kinder und wir Eltern kannten keine gemeinsamen Fernreisen. Das Familienleben war bescheidener, aber vielleicht intensiver als heute, wie mir scheint. Die Initiative zu den Freizeiten ging von Pfarrer von Bargen aus, der mit dem Pfarrer in Lübars befreundet war. Es erwartete die Kinder ein abwechslungsreiches Tagesprogramm. Abends waren sie dann wieder zu Hause im Wedding, und am nächsten Tag ging’s wieder nach Reinickendorf.

Über die vielen Jahre habe ich verstanden: Gemeindearbeit war und bleibt Beziehungsarbeit. Es geht bei Gemeindearbeit darum, gemeinsames Erleben und gemeinsames Leben zu organisieren.

Welche drei Wünsche haben Sie für die oder an die Osterkirchengemeinde?

Ich wünsche mir, dass viele Menschen dort in der Gemeinde Heimat finden, so wie ich es erlebt habe.

Ich wünsche mir, dass Menschen durch das Gemeindeleben eine Orientierung für ihr ganzes Leben bekommen – so wie es Paulus ausgedrückt hat: Christus nachjagen.

Ich wünsche mir, dass es Menschen gelingt, in der Gemeinde Freundschaften für ihr Leben zu schließen. Wie wichtig das für ein Leben ist, habe ich erfahren. Ich bin sehr dankbar dafür.

Was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?

Es ist der 73. Psalm, 23-28: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn, dass ich verkündige dein Tun.“

Was ist Ihr Lieblingslied im Gesangbuch?

„Befiehl Du Deine Wege“

 

Erika Gutjahr ist im Oktober 2010 in Berlin verstorben. Sie wurde 94 Jahre alt.