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Georg ClausenWer ich bin: Mein Name ist Georg Clausen. Ich wurde am 24. Oktober 1934 buchstäblich auf dem Deich, in Neugalmsbüll, geboren, das liegt an der Westküste Schleswig-Holsteins unweit der Grenze zu Dänemark.

Meine Familie: Mein Vater war Schmied, und meine Mutter hatte Putzmacherin gelernt – das sind die, die Hüte anfertigen. Das Haus – die Schmiede -, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, steht heute noch. Meine Cousine wohnt dort.

Mein Vater war seit 1939 bei der Wehrmacht. 1940 zog die kleine Familie vom flachen Land in die Großstadt um – nach Hamburg. Dort lebten wir bis 1943. Im Juli 1943 wurden wir in kurzer Zeit drei Mal ausgebombt. Das waren schreckliche Erlebnisse, darüber möchte ich heue eigentlich nicht mehr sprechen. Wir zogen deshalb im Sommer 1943 nach Rendsburg zu meinem Onkel, der dort eine Bäckerei und Konditorei betrieb. Dort konnten wir wohnen.

Zum Kriegsende ging es in Schleswig-Holstein zunehmend drunter und drüber. Einerseits sammelten sich hier viele – teils versprengte – Truppenteile auf dem Rückzug, und es kamen tausende von Flüchtlingen aus Ostpreußen an. Wir lebten auch nach dem Krieg noch in Rendsburg. Der Hunger und die Entbehrungen – darüber kann sich heute in Deutschland eigentlich niemand mehr eine Vorstellung machen.

Mein beruflicher Werdegang:

1949 – nach der Währungsreform – zogen wir wieder nach Hamburg. Nach Beendigung der Mittelschule begann ich dort eine Lehre als Natursteinschleifer und Bausteinmetz – und zwar bei den Marmorwerken Wandsbek – ein Unternehmen, das in ganz Deutschland aktiv und führend in der Branche war.

In meiner Lehrzeit gab es für mich Erlebnisse, die mich wiederum direkt als jungen Deutschen ansprachen. Denn während der Lehrzeit waren wir auch einmal für einige Zeit im ehemaligen KZ Bergen-Belsen, jetzt eine Gedenkstätte, tätig. Unsere Firma sollte dort aus Naturstein einen Obelisken als einen circa 15 Meter Gedenkturm mit einer Art Klagemauer zu seinen Füßen errichten. Zu der Zeit kamen tagsüber immer schon viele Besucher mit Bussen an – sie wollten dieses ehemalige KZ besichtigen und sich einen Begriff davon machen, was zur Nazi-Zeit dort passiert war. Die Besucher kamen teilweise aus ganz Europa. Ich stand dort unten, als junger Stift. Oben waren die beiden Altgesellen tätig. Es geschah immer wieder mal, dass diese Besucher mich als Deutschen beschimpften, teilweise auch anspuckten. Ich war darauf nicht vorbereitet – und ich wollte da vor allem aus diesen Situationen wieder heil herauskommen.

Für mich war meine Lehrzeit aber vor allem auch eine Zeit, in der ich viel lernte und mit vielen interessanten Aufgaben beschäftigt war. Beispielsweise mussten wir einmal eine Jacht umbauen – und zwar für den berühmten Reeder Onassis. Es ging darum, die Bäder und Gänge in dieser Jacht mit Marmor zu verkleiden. Man kann sich vorstellen, dass hier alles vom Feinsten sein musste. In Hamburg war unser Unternehmen – und somit auch ich als Lehrling – in den Jahren des beginnenden Wiederaufbaus damit beschäftigt, in den alten Kontorhäusern viel Marmor zu verarbeiten. Hamburg war ja immer schon eine reiche Stadt gewesen – und dies ging nach dem Krieg dann auch weiter.

1953 – nach Beendigung meiner Lehre – begann ich, mich beruflich neu zu orientieren. Für mich ging es darum, mein eigenes Geld zu verdienen. Klar, als junger Mensch wollte ich auf eigenen Beinen stehen und auch was erleben. Eine entsprechende Anzeige beim Arbeitsamt, dass im Ruhrgebiet Bergleute und junge Arbeitskräfte gesucht wurden, brachte mich dazu, ins Ruhrgebiet zu fahren. Ich landete in Oberhausen – dort war ich in Osterfeld in einem Bergwerk tätig. Aber die Arbeit dort war schwer – ich hielt es nur 2 Monate dort aus. Ich hatte dort über einen katholischen Priester aber Kontakt bekommen zum Kloster in Kevelaer am Niederrhein. Dort war ich dann auch tätig, um alte Plastiken aufzuarbeiten und wieder instand zu setzen.

Anschließend war meine Berufstätigkeit über Jahre dadurch gekennzeichnet, dass ich mit Montagetrupps von Firma zu Firma und von Auftrag zu Auftrag zog – oben in Norddeutschland rund um Hamburg und Bremen sowie Bremerhaven, aber auch im Ruhrgebiet in Oberhausen, Mülheim und Essen, bis runter nach Mannheim und Ludwigshafen. Was wir machten, kann man mit dem Buchstaben „K" gut beschreiben: Kasernen, Kaufhof, Karstadt, Krankenhäuser – überall ging es darum, die Fassaden und Treppenhäuser mit Naturstein und Kacheln auszustatten. Das war der Wiederaufbau.

1955 heiratete ich. Diese Ehe hielt bis 1972 – und aus ihr gingen 3 Kinder hervor. 1955 absolvierte ich noch eine einjährige Zusatzausbildung als Fliesenleger, weil dies zunehmend zu einem wichtigen weiteren Arbeitsgebiet wurde. 1968 war ich für circa 1 Jahr mit dabei, als der neue Fernsehturm am Alexanderplatz gebaut wurde. Aber da gab es dann Schwierigkeiten mit der Baustellenaufsicht – und wenn man dort aufbegehrte, konnte es schnell schwierig werden. In jener Zeit wohnte ich in Alt Moabit, in der Krefelder Straße. Aber wie gesagt, diese Arbeit war nicht das, was ich wollte. Ein Kollege hat mir dann einen guten Tipp gegeben – in Wilhelmshaven musste das dortige Marinearsenal mit säurefesten Fliesen ausgestattet werden. In diesen Fertigungshallen wurden Gewehre bruniert, d.h. das Metall an der Oberfläche behandelt. Die Fliesen an den Wänden und Böden mussten besonderen Anforderungen genügen.

Zwischenzeitlich hatte ich mir- inzwischen als Selbstständiger - als neues Betätigungsfeld das Mitarbeiten beim Bau von Rundturnhallen aufgetan. Da gab es in Deutschland auf einmal viel zu tun. Diese Arbeit brachte mich für die kommenden Jahre nach München. Ich war mit meinem Trupp, der inzwischen aus ca. 50 Leuten bestand, mit den Fliesenarbeiten an der Rudolf-Sedlmayer-Halle betraut worden. Diese Halle sollte zu den Olympischen Spielen in München 1972 fertig sein, damit dort die Basketballspiele stattfinden konnten.

Terminarbeiten – das war, wenn die Dinge möglichst vorgestern fertig gemacht werden sollten. Es war mit der Rudolf-Sedlmayer-Halle eine sehr anstrengende Arbeit, denn ich musste dafür sorgen, dass aus den Natursteinvorkommen südlich der Alpen, in Norditalien, jeden Tag 2 LKW-Ladungen voll mit Kunststein, Marmor und Granit über den Brenner gefahren und auf der Baustelle ankommen mussten. Irgendwie hat das alles geklappt – ohne Internet, ohne Handy und immer aufbauend auf einem Netzwerk zuverlässiger Händler und Spediteure.

Mit den Italienern kam ich immer gut zurecht – mit den Arbeitern in meinem Trupp, aber auch mit den Händlern. Ich habe dabei vor allem die Südtiroler kennengelernt. Das waren schon schwierige Kameraden. Es waren oft Dickköpfe, störrischer und sturer als ein Esel, wenn sie irgendetwas nicht wollten. Wenn sie aber wollten, wenn ich sie auf meiner Seite hatte, dann waren es die zuverlässigsten Menschen, die man sich vorstellen konnte.

1972 stellte sich für mich dann als ein schwieriges Jahr – als ein Wendepunkt in meinem Leben heraus. In diesem Jahr wurde meine Ehe geschieden. Und unmittelbar nach Abschluss der Arbeiten an der Basketballhalle der Olympischen Spiele, am Tage der Eröffnung der Sommerolympiade, verunglückte ich bei einem Autounfall in München schwer – zog mir komplizierte Brüche zu. Es waren wohl die Ergebnisse der monatelangen Überanstrengung im Beruf. Ich hatte irgendwie aber doch Glück gehabt – aber es dauerte lange, bis ich wieder auf die Beine kam. Danach bin ich nicht wieder so fest wie vorher in diese anstrengende Arbeit eingestiegen, die so viele Jahre mein Berufsleben ausgemacht hatte.

Ich versuchte es danach in München als Kneipenwirt. Aber ich war nicht dieser joviale Typ „Gastwirt" – ich merkte, dass ich innerlich durch und durch doch der Typ „Baulöwe" geblieben war. Als Gastwirt wurde es auf Dauer also nichts. Aber mit Gelegenheitsarbeiten in München kam ich über die Runden.

1978 lernte ich Felicitas kennen. Wir beide hatten uns offenbar gesucht und gefunden. Beide mit der Erfahrung gescheiterter Ehen, begannen wir einen gemeinsamen Neuanfang. Felicitas orientierte sich als Krankenschwester, Fußpflegerin und Kosmetikerin nach Bad Tölz, um dort eine Praxis aufzumachen. Also gingen wir 1979 gemeinsam von München dorthin. Mein handwerkliches Geschick hatte ich inzwischen auf Holzarbeiten ausgeweitet – als Tischler lieferte ich ganz gute Ware ab. So stattete ich die ganze Praxis von Felicitas mit Tischen, Stühlen und Regalen aus - und was sonst noch notwendig war. 1980 heirateten wir in Bad Tölz standesamtlich. Später dann – in Berlin – wurde zum 25. Hochzeitstag diese Ehe von Pfarrerin Stobbe gesegnet.

Das Zusammenleben war aber auch nicht immer leicht. Denn wir beide sind und waren schon selbstständige, mitunter auch eckige Menschen. Wir lernten uns aber kennen und zu akzeptieren. Wie gesagt, in Bad Tölz hatte ich irgendwie keine Lust, nur zu Hause zu sitzen, Kartoffeln zu schälen und die Einkäufe zu erledigen. So wurde ich Tischler und Kräutersucher. Bei den Holzarbeiten kam es mir auf einfache, aber ordentliche Arbeit an – die Dinge auch mit wenigen Spezialwerkzeugen herstellen und montieren zu können. Ich kochte immer schon gerne und gut – so versorgte ich über viele Jahre das Praxisteam von Felicitas. Zum Kräutersuchen brachte mich ein Vortrag einer Kräuterfrau. Das weckte meine Neugierde, und bei Benediktinermönchen in der Nähe konnte ich noch mehr erfahren. Für Fußbäder und andere Anwendungen habe ich für die Praxis von Felicitas dann die Kräuter besorgt und entsprechend angesetzt. Das mache ich heute noch – auch hier in Berlin.

2002 ging es mir gesundheitlich nicht so gut. Ich wurde auf Insulin umgestellt. Das Laufen fiel mir zunehmend schwerer – vor allem das viele Auf und Ab in Bad Tölz. So fingen Felicitas und ich an zu überlegen, wo wir denn in unserem Alter in den nächsten Jahren besser aufgehoben sein könnten. Es sollte eine Großstadt sein – mit gutem öffentlichen Nahverkehr und auch Ärzten in der Nähe. Nach Hamburg? Nein, dort kannte ich aus meiner Zeit von früher niemanden mehr. Wir nahmen Berlin in den Blick. Felicitas fuhr einige Male dorthin, um die Lage zu sondieren.

Wie ich zur Osterkirche kam:

Felicitas hatte in Berlin eine Freundin, die im Öffentlichen Dienst gearbeitet hatte und ihr nun Tipps für die Wohnungssuche gab. Irgendwie geriet Felicitas dann auch in den Wedding. Zunächst wurde ihr eine Wohnung in der Kiautschoustraße angeboten – aber das war dann doch nicht das richtige. Schließlich wurde uns die Wohnung in der Amrumer Straße angeboten, in der wir seit 2004 wohnen. Ich gebe zu, ich bin innerlich recht konservativ eingestellt. Ich halte Abstand zu Menschen, die ungepflegt und unsauber sind, die mit der Zigarette in der Hand auf der Straße herumlaufen, deren Schuhe seit langer Zeit keine Schuhcreme gesehen haben. So dauert es bei mir schon aus diesem Grund manchmal länger, bis ich mit Menschen warm werde.

Felicitas hatte bei der Wohnungssuche auch die Osterkirche entdeckt. Sie fand die Menschen dort sehr sympathisch – und dadurch, dass wir jetzt auch ganz in der Nähe wohnen, kam der Kontakt zur Osterkirchengemeinde zustande. Ich gehe nun auch öfter mit zum Gottesdienst und auch hin und wieder mal zu der einen oder anderen Gruppe. In Bad Tölz war die evangelische Kirche etwas außerhalb, und noch dazu auf einem Berg gelegen. Deshalb war ich dort nie so regelmäßig eingebunden. Hier im Sprengelkiez ist es anders. Mir gefällt es. Ich habe zu einigen Menschen in der Gemeinde inzwischen einen guten, freundschaftlichen Kontakt entwickelt. Es sind meist in etwa Gleichaltrige – wir haben eben einfach ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht, und das gibt ein Gefühl der Vertrautheit, der Zusammengehörigkeit. Das ist so, wenn man die Lebensgeschichten anderer Menschen kennenlernt.

Ansonsten sind meine Tage gut gefüllt. Ich backe zwei oder drei Mal in der Woche selber Brot. Ich gehe gerne einkaufen. Ich lese gerne und viel. Deshalb bin ich regelmäßig in der Schillerbibliothek am Rathaus Wedding. Dort stöbere ich gerne herum – wie zum Beispiel zuletzt nach einem Buch zum Thema „Schiffbare Kanäle in Deutschland". Was mir die Bibliothekarin dann anbot, war aber doch nicht das, was ich mir erhofft hatte. Ich bin leidenschaftlicher Plattdeutsch-Leser. Zuletzt habe ich mir das Büchlein von Boy Lornsen „Sein Schöpfung – un wat achterno keen" vorgenommen und mit großem Gewinn gelesen. Auch Autoren wie Hanns Dieter Hüsch gefallen mir sehr.

Was ich der Osterkirche wünsche:

Es ist eigentlich ganz einfach: Sie sollen sich alle vertragen.
Ich wünsche mir auch, dass die Gemeinde das Geld zusammenbekommt, um die Kirche baulich wieder in einen guten Zustand zu versetzen.

Meine Lieblingsstelle in der Bibel:

Es ist der 23. Psalm: Der Herr ist mein Hirte ... - Dies wurde mir anlässlich der Beerdigung von Uwe Lunden wieder klar. Siegfried Dehmel sprach diesen Psalm am Grab.

Mein Lieblingslied im Gesangbuch:

Es ist das Lied „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn." Dieses Lied hat sich mir in die Seele eingebrannt, als es im Krieg bis 1945 in unserer Familie praktisch jedes Jahr einen Todesfall gab – und immer wurde dieses Lied gesungen.