April 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 1 2 3 4 5 6

Geflüchtet - und angekommen ?

 

In der Osterkirche im Wedding begegneten sich am 25. November Flüchtlingsinitiativen, geflüchtete Menschen und Kiezbewohner

Von Sibylle Sterzik

Zögernd betreten Leute die Osterkirche. Suchend sehen sich um, mancher entdeckt nach kurzer Zeit Bekannte, geht auf sie zu. Viele, die sonst nicht in der Kirche sind, haben sich am 25. November aufgemacht zur Veranstaltung „Flucht - und Ankommen?“ Dazu lud die Evangelische Osterkirche gemeinsam mit dem Verein „Offene Tür“ und dem Sufi-Zentrum Rabbaniyya Berlin ein, das für einen liberalen Islam und interreligiösen Dialog steht. Es ist die dritte Veranstaltung dieser Art, bei der sich Christen und Muslime, Einheimische aus Initiativen für Flüchtlinge und Geflüchtete in der Sprengelkiezkirche treffen.
Ein Syrer in der Küche, eine Afrikaner am Herd
Aus der Kirchenküche quillt Dunst in die Kirche. Es riecht nach Öl und Fettgebäck. Assieto aus Hohenschönhausen steht am Herd und zaubert Eierkuchen. Ein Mann steckt den Kopf in die Tür und fragt: „Ich bin Koch, kann ich helfen?“ Assieto zeigt ihm, womit er die Eierkuchen bestreichen kann. Während die Schokocreme auf die Kuchen streicht, erzählt er von sich. Masen heißt er. Vor 2 Jahren kam er aus Syrien nach Deutschland. Siemen Dallmann, der Gemeindekirchenratsvorsitzende, lädt ihn zur Lebensmittelausgabe von Laib&Seele ein. "Woher kommst du?", fragt Masen Assieto. Wenn sie gerade nicht am Herd steht, berät die sympathische Frau, die aus Ungarn hierher kam und Muslima ist, ehrenamtlich Flüchtlinge.

Die Kirche hat sich mit etwa 60 Besuchern gefüllt. Valentina Bellanova eröffnet den Abend mit Flötenmusik. Daniela Barisic vom Verein Offene Tür führt durchs Programm. Der Pfarrer der Osterkirchengemeinde, Thilo Haak, weist darauf hin, was die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gerade beschlossen hat. Sie fordert die Bundesregierung auf, legale Wege für Flüchtlinge und Migranten nach Europa zu schaffen, den Familiennachzug für subsidiär Geschützte wieder zu erlauben und sich die Fluchtursachen in den Heimatländern anzugehen. Jesus stellt er als „wohl berühmtesten Flüchtling“ vor, der mit seinen Eltern schon als Neugeborener vor dem Machthaber Herodes seines Landes flüchten musste: politische Verfolgung als Fluchtgrund für Maria, Josef und das Jesuskind. Später wird der erwachsene Jesus sagen: Nimm den Flüchtling freundlich auf, unterdrücke den Fremden in deinem Land nicht, liebe sie, wie du selbst geliebt werden willst.
Die Muslima Feride Funda Gencaslan, Vorsitzende des Sufi-Zentrums, spricht über Mose, den Bibel und Koran verehren. Im Koran gilt er als Wegbereiter von Mohammed. Er befreit sein Volk der Israeliten aus der Knechtschaft der Ägypter. Der Prophet Mose besiegt den selbstsüchtigen Pharao, muss aber fliehen. Doch auch in uns selbst gibt es beide, den Mose und den Pharao, so Feride. Den Pharao in uns zu überwinden und immer mehr Mose gleich zu werden, sei das Ziel, auf das Muslime und Christen im Glauben zugehen.
"Flucht" heißt der erste Teil des Abends. Zwei Frauen und ein Mann erzählen, warum sie nach Deutschland flohen. Die 72-jährige N. unterrichtete in Syrien Französisch. Als eine Bombe ihre Schule traf und vor ihren Augenstarben zwei Schüler, beschloss sie ihre Familie in Sicherheit zu bringen. Vor dreieinhalb Jahren flüchtete sie mit ihren Kindern per Flugzeug. Eine Tochter lebte schon in Deutschland und half dabei. Ihr Asylantrag wurde nach einem Jahr abgelehnt. Seitdem schläft sie nicht mehr, aus Angst abgeschoben zu werden. Am schlimmsten ist, dass sie ihren Mann seit der Flucht nicht mehr gesehen hat. Er durfte nicht ausreisen. Sie würde ihn gern nachholen. Die Rechtslage erlaubt das aber nicht. Im Verein „Offene Tür“ lernt sie Deutsch und unterrichtet selbst Arabisch. „Ich liebe mein Land und Deutschland auch“, sagt sie. „Ich danke allen Deutschen, die Syrern unterstützen. Vor allem Christina.“
Weihnachten genauso feiern wie das Opferfest
Die Pfarrerstochter gründete 2005 einen Verein. Aus ihm ging die Flüchtlingsinitiative "Offene Tür" hervor, die sie heute leitet. Der Verein organisiert im Sprengelhaus Sprachkurse und berät geflüchtete Menschen. „Wir beraten jeden, ganz gleich was er glaubt und woher er kommt. Uns ist wichtig, dass die Menschen zusammenkommen. Es spielt keine Rolle, welche Papiere du hast, was, was du glaubst, welchen Asylstatus Du hast“, sagt Christina. Interreligiöses Leben gehört dazu. Feste miteinander feiern, Weihnachten ebenso wie das Opferfest, Kontakte knüpfen, damit geflüchtete Menschen ein eigenes Leben aufbauen und selbstständig werden können.
Aus der irakischen Hauptstadt Bagdad floh der Arabischlehrer H. Als Sunnit, einer muslimischen Minderheit im Irak, wurde er bedroht. Seine Bruder und mehrere Cousinen sind bereits tot, vier Cousinen in Haft. 18 Tage brauchte er hierher. Zwei Jahre ist das her. Seine Frau und die vier Kinder blieben dort, zu gefährlich war die Reise für sie. In Deutschland arbeitet er als Techniker stundenweise in einer Schule.
R. war Sängerin in Burundi. Als populäre Künstlerin trat sie in vielen Ländern auf. Sensibilisiert durch eine eigene Gehbehinderung, setzte sie sich für die Rechte von Frauen, Menschen mit Behinderung und Albinos ein. Ihr Ziel war es, junge Frauen aus Lagern zu befreien. Sie werden festgehalten und zum Kämpfen gezwungen. Damit sie keine Kinder bekommen, entfernt man ihnen ohne Betäubung den Uterus, erzählt sie an dem Abend. Als sie das kritisierte, wurde sie verfolgt und musste fliehen. Eines Tages möchte sie dort wieder leben. „Bis zu meinem Tod werde ich nicht aufhören, für mein Land zu singen.“ Mit Unterstützung des Vereins „offene Tür“ lernt sie Deutsch. Sie näht und entwirft ihre Kleider selbst und möchte Modedesignerin werden. Als sie a cappella einen Gospel singt, wird es still in der Kirche. Eine großartige Stimme ist zu hören.
Für den Anwalt fehlt meist das Geld
In der Pause gibt es Assietos gefüllte Eierkuchen, Leckereien aus dem Sufizentrum, Obst, heißen Tee und Saft. Man steht beieinander. Lachen hallt durch die Kirche. Einer schreibt eine Handynummer auf, man verabredet sich.
Die Sonntagssinger leiten zum zweiten Teil „... und Ankommen?“ über. Auf dem Podium nehmen Vertreter des Vereins „Offene Tür“ Platz, die Migrationsberaterin Assieto und sowie zwei vom Verein „Zwischenstation“ für jugendliche Flüchtlinge in der Sprengelstraße, Kristian Ringel und Kersten Fehl. Sie informieren über ihre Arbeit und beantworten Fragen von Besuchern. Was tun, wenn das Jobcenter darauf drängt, ein deutsches Papier zu unterschreiben, in dem steht, dass man freiwillig ins Heimatland zurückkehrt? Für jemanden mit wenig Deutschkenntnissen eine Falle: Viele Flüchtlinge wissen gar nicht, was sie da unterschreiben sollen. Ein Anwalt könnte helfen. Für den fehlt meist das Geld.
Gelungener Abend von Christen- und Bürgergemeinde
Ein Türke möchte Mutter und Geschwister aus der Türkei nach Deutschland holen. Aber wie? Ein Einzelgespräch wird verabredet. Zwei Brüdern erhalten Asyl, der dritte nicht. Was tun? Ein Anwalt sollte eingeschaltet werden. Die Beratenden geben Tipps: „Geh nie allein zu einem Amt. Nimm einen Zeugen mit." Rechtsberatung für kleines Geld bietet das Beratungs- und Betreuungszentrum (BBZ) in der Turmstraße 72 in Moabit an oder der Flüchtlingskirche in der Kirche St. Simeon in der Wassertorstraße 21 am Moritzplatz in Kreuzberg. Im Kreuzberger Mehringhof gibt es ein Büro für medizinische Flüchtlingshilfe.
Am Ende stehen Menschen aus aller Welt und Berlin fürs Gruppenfoto vor dem Altar. Junge Männer mit Rastalocken, Afrikanerinnen in bunten Kleidern, Muslima mit Kopftuch. Ein gelungener Abend von Kirchen- und Kiezgemeinde. Siemen Dallmann dankt allen. Sie sind sich einig: Wir treffen uns wieder.

Hier in der Osterkirche.