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„Furcht ist nicht in der Liebe…“



Predigt von Superintendent Martin Kirchner
am 1. Sonntag nach Trinitatis, 29. 5. 2016,
in der Osterkirchengemeinde

über 1. Johannes 4, 17-21

17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.
20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.
21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. 

Liebe Gemeinde!

Es sind die Kennenlerngeschichten, die immer wieder neu faszinieren; ich meine diese Geschichten, in denen sich zwei Menschen begegnen, miteinander vertraut werden und nicht mehr voneinander lassen wollen.
Es faszinieren diese Geschichten, wo immer wir auf sie stoßen:
     im Theater (Romeo und Julia)
     in der Musik (Wie schön du bist …)
     im Kino (Scarlett O’Hara)
     in der Literatur
     in der Bibel (Der verlorene Sohn)
     im richtigen Leben …
… irgendeine solche tiefe Begegnungs-/Kennenlerngeschichte trägt hoffentlich ein jeder/eine jede in sich, die Erinnerung, wie schön es war – wie besonders.
Dabei handelt es sich genaugenommen um eine höchst gefährliche Situation!
Denn das Geheimnis solcher Geschichten ist: einer liefert sich der Andern aus – Eine ver-lässt-sich auf den Andern.
Das ist wirklich Liebe „Wenn das liebende Ich ganz dem geliebten Du gehören möchte und umgekehrt“ (Martin Buber).
Eine höchst gefährlich Situation: zu vertrauen – sich auszuliefern – sich auf den Andern ver-lassen.


Hören Sie die Weisheit unserer Sprache?!: Sich auf den Andern ver-lassen!
Liebe verführt zu Reisen in unbekannte Länder, wo alles anders ist als gewohnt, wo man aus dem Schutz der eigenen Stadt, aus der heimlichen Vertrautheit heraustritt, sich selbst ver-lässt und sich auf Neues ein-lässt. Höchst gefährlich und doch: wo es geschieht, geschieht Faszinierendes.

Und was ist das Faszinierende, was lässt uns das Herz schneller schlagen und die Rührung Tränen in die Augen treiben, wenn wir Zeugen von Kennerlerngeschichten werden?
Es ist das, was im Original des 1. Johannes so klingt:“ φόβος οὐκ ἐστιν ἐν τῇ ἀγάπῃ ...“
Keine Phobie hindert die Begegnung mit Menschen, weder die Phobie sich selbst zu verlieren, noch die Phobie der Andere könnte Vorteile haben, noch die Phobie vor Veränderungen.

Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die alleinige Bereitschaft sich einzulassen auf den Andern, auf die Andere im Bewusstsein, eben genau dessen, dass sie anders sind als ich und gerade deshalb eine Bereicherung, eine Horizonterweiterung, die uns hinausahnen lässt über die Mauern unserer Enge, unserer Angst.

Furcht ist nicht in der Liebe – (auch und schon gar nicht, wenn der Herr der immer im braunen Jackett auftritt uns gerade an diesem Wochenende Angst einreden will, wenn er in einem Zeitungsinterview diesmal Jerome Baoteng als zwar guten Fußballspieler bezeichnet, zugleich aber feststellt, „ das neben so einem keiner wohnen möchte“ – wohl wegen seiner Hautfarbe, die er von seinem ghanaischen Vater geerbt hat.)

Furcht ist nicht in der Liebe – Darin misst sich auch die Rede über Gott, dass sie nicht mit Bildern und Gedanken von Sündverlorenheit und Hölle und ewiger Verdammnis droht, sondern nach Gottes Willen ermutigt, zu lieben auf Kosten der eigenen Unabhängigkeit,
die Bereitschaft, zu empfangen, zu stärken
und zugleich die Unart, sich einfach zu nehmen, mehr und mehr abzustellen.

„Zuversicht“ – παρρησίαν – Freimut, Offenheit, unerschrockene Freude nennt das der 1. Johannesbrief.

„Zuversicht“ ist die rechte Glaubenshaltung, die sich nicht beeindrucken lässt von verantwortungslosem Herumstochern in einer irgendwie zu erwerbenden Wirklichkeit, von der wir sowieso keine Ahnung haben.
Jenseitsversprechungen sind allesamt doch meistens nur Projektionen der eigenen Gunst- und Hassgefühle, sind die gewaltige Gegenpredigt zur Liebe Gottes, sind Betrug am Leben!

Wem, liebe Schwestern und Brüder, ist denn wirklich geholfen mit dem Rachegedanken, einen andern in der Hölle schmoren zu sehen?
Was trägt es aus, auf Angst vor Strafe eine Moral aufzubauen, die doch nur an der Oberfläche bleibt? 1. Johannes 4 thematisiert die Geschwisterliebe – keine Kunst, hat Jesus einmal gesagt, jemanden zu lieben, der dir auch zugewandt ist.

Bei Brüdern und Schwestern sollte es so sein, aber seit alters her lehren uns die Heiligen Schriften und Erfahrungen, dass es so selbstverständlich nicht ist.
Kain und Abel, Jakob und Esau, Joseph und seine Brüder, Maria und Martha … und wir kennen auch solche Geschichten, vielleicht sogar eigene.
Es ist daher immer wieder fraglich, ob es angemessen ist, die Versammlung in der Gemeinde eine Versammlung von „Brüdern und Schwestern“ zu nennen.
Klar wissen wir in unseren Gemeinden, dass wir unter dem Gebot der Liebe verpflichtet sind, freundlich und aufmerksam miteinander umzugehen. Doch viel tiefer als das es für den guten Schein taugt, geht dieses Vornehmen oft nicht. Ich gestehe, dass ich durch die Jahre bei den unzähligen Schlichtungsgesprächen in Mitarbeiterschaften, in Gemeindekirchenräten, sogar in der Pfarrerschaft nicht selten gedacht habe: Wer solche Brüder und Schwestern hat, der braucht keine Feinde mehr.

Gegenüber der Welt manövrieren wir uns so Tag für Tag neu in das grelle Licht der Unglaubwürdigkeit, wenn wir die Verkündigung der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes für uns und durch uns in diese Zeit am Sonntag so krass auseinanderfallen lassen mit der gelebten Christengemeinde von Montag bis Sonnabend, wie es leider viel zu oft geschieht.

Dabei muss das gar nicht so sein, wenn wir nur die Ratschläge der Heiligen Schriften beherzigen würden, mit der Faszination eines an jedem Morgen neuen „Ersten Kennenlernens“ in uns aufnehmen und wirken lassen, voller Zuversicht und Freimut, voller Offenheit und unerschrockener Freude und immer in dem wunderbaren Wagnis des Lebens auf Kosten der eigenen Unabhängigkeit.

Wo immer das gelingt, erleben wir die schönere Rückseite der schmerzlichen Abwesenheit von (Gottes) Liebe.

Furcht sei nicht in der Liebe – das ist der große Merksatz für uns aus dem 2. Johannesbrief. Denn Furcht offenbart die immer verzagte alte Krämerseele in uns, die aus Angst zu verlieren versucht zu horten; die in Furcht zu versagen Begegnung nicht wagt; die verschreckt durch apokalyptische Drohkulissen vergisst, dass das eigentliche Leben heute – jetzt – geschieht und von Augenblick zu Augenblick neu Gelegenheit bietet, mit Gottes Wort dieses Leben zu wärmen, Gebeugte aufzurichten, das Recht zu lieben und die Würde eines jeden Menschen bewahren zu helfen. (nach Fulbert Steffensky)

Schluss mit unseren Phobien, Schluss mit den kleinen Verlustängsten im Alltag, Schluss mit der Furcht vor Fremden, Schluss mit Islamophobie, die uns verantwortungslose Montagsprediger einreden wollen.

Und unerschrocken, voller Freude und Freimut, zuversichtlich eben gelehrt. Dazu verhelfe uns der barmherzige Gott. Amen.