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Reformation und Toleranz

 

Das Jahresthema 2013 der EKD

In der Dekade, die auf das große Reformationsjubiläum 2017 hinführt, steht in jedem Jahr ein anderes Thema im Mittelpunkt, das sich mit den Fragen und Entwicklungen von Theologie und Kirche seit der Reformationszeit beschäftigt. Für 2013 wurde ein Thema gewählt, das in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung für uns darstellt: Reformation und Toleranz.

Aus vielen aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten ist uns das Thema bekannt. Darüber, dass Toleranz ein wichtiges Gut unserer modernen pluralistischen Gesellschaft und auch für ein friedliches religiöses und kulturelles Miteinander in unserem Land unverzichtbar ist, sind wir uns schnell einig. Doch wenn wir genauer hinschauen und uns im Gespräch austauschen, holt uns die Komplexität des Themas bald ein. Welche Toleranz meinen wir, wenn wir über sie sprechen? Schon die Definition ist nicht leicht: Toleranz kann – von seiner lateinischen Wurzel her – bedeuten, dass wir etwas erdulden und ertragen (müssen); oder es kann die positive und wertschätzende Annahme dessen sein, was mir bisher fremd war. Wo beginnt Toleranz, und – darüber gibt es die heftigsten Debatten – wo hört sie auf? Wird Toleranz in unserer Gegenwart nicht auch häufig mit Gleichgültigkeit verwechselt? Fragen der Toleranz beschäftigen selbst die Gerichte, wenn wir etwa an die Urteile über das Kopftuchtragen in der Schule, die Einhaltung der sonntäglichen Ruhe in der Adventszeit oder zuletzt die Beschneidungsdebatte denken. Gerade wenn religiöse Aspekte in der Diskussion eine Rolle spielen, sind Lösungen, die oft nur Kompromisse sein können, schwer zu finden.

Im Januar 2013 gab es zum EKD-Jahresthema in Brandenburg/Havel eine Fortbildung für die theologischen Referentinnen und Referenten der Kirchenkreise unserer Landeskirche. Es war eine intensive und spannende Woche, in der wir uns in Vorträgen, Diskussionsrunden, einem Nachmittag mit Bischof Dröge und zahlreichen Gesprächen untereinander mit den vielen Aspekten der Toleranzfrage beschäftig haben. Der schöne Titel der Seminarwoche lautete: „Alles ist erlaubt; aber es frommt nicht alles! (1. Kor 10,23) – Evangelische Toleranz als Voraussetzung für Konflikt- und Dialogfähigkeit".

Ob es so etwas wie eine evangelische Toleranz überhaupt gibt, war unter uns eine strittige Frage. Auch der historische Blick auf die Reformation und die Beurteilung der evangelischen Tradition als einer die Toleranz fördernden oder hindernden Tradition ergab ein breites Meinungsspektrum. „Die evangelische Kirche hatte in den letzten 500 Jahren eine lange, schmerzvolle Lerngeschichte in Sachen Toleranz. Und diese Lerngeschichte ist nicht abgeschlossen." So schreibt Nikolaus Schneider, Präses des Rates der EKD in seinem Vorwort zum Themenheft der EKD.

So wichtig diese selbstkritische Rückschau in die eigene Geschichte ist, so erhellend war es zugleich, während der Seminarwoche auf theologische Denkwege hingewiesen zu werden, die die Wurzeln unseres heutigen Toleranzverständnisses schon in der Bibel - in vielen Jesus-Erzählungen - und auch im Denken der Reformatoren erkennen können. Die ‚solus'- Formulierungen Martin Luthers etwa (solus Christus = allein Christus, sola fide = allein der Glaube, sola gratia = allein durch die Gnade, sola scriptura = allein die Schrift) waren einerseits reformatorische Kampfbegriffe zur Abgrenzung von der römisch-katholischen Kirche und darin nicht Ausdruck von Toleranz. Dennoch steckt in ihnen zugleich ein Moment der Überwindung von Intoleranz und menschlichen Absolutheitsansprüchen: Indem sie so deutlich von der subjektiven, zeitabhängigen und stets dem Irrtum ausgesetzten Position einzelner Menschen oder Gremien hinweg weisen auf die göttliche Wahrheit allein, markieren sie die Möglichkeit einer heilsamen Unterscheidung zwischen menschlicher, beschränkter Erkenntnis und absoluter göttlicher Erkenntnis. Diesen Gedanken hob Bischof Dröge im Gespräch mit den Referentinnen und Referenten besonders hervor.

Pfarrer Dr. Andreas Goetze, Landespfarrer für interreligiösen Dialog in unserer Landeskirche, unternahm den Versuch, eine „spirituelle Toleranz" zu entwickeln, indem er nach der existenziellen Wahrheit im Glauben fragte. Diese kann für den einzelnen Menschen unbedingter Anspruch sein, ohne dass damit die Forderung nach einem universellen Wahrheitsanspruch erhoben würde: eine Glaubenswahrheit prägt sich mir auf, unbedingt, ohne dass ich deshalb andere zur gleichen Wahrheit zwingen muss; sie kennen andere Glaubenswahrheiten, die für sie gelten. Auf dem spirituellen Weg des Glaubens gibt es viele und vielfältige Erkenntnisgrade. Die Einsicht in die Vorläufigkeit und Gebrochenheit der eigenen Wahrnehmung Gottes führt jedoch nicht in die Relativierung des Glaubens und seine angebliche Unverbindlichkeit, sondern im Gegenteil zur Toleranz gegenüber dem existentiell unbedingten Anspruch, den der Glaube im Leben des anderen hat.

PD Dr. Martin Kumlehn stellte in seinen Überlegungen zur Toleranz den Beruf des Pfarrers / der Pfarrerin in den Mittelpunkt. In vielerlei Hinsicht ist dieser Beruf von Konflikten geprägt, die durch unterschiedliche Erwartungen, Anforderungen und Überzeugungen entstehen. Die Toleranz ist daher eine Tugend, die ein Pfarrer/eine Pfarrerin mitbringen und entwickeln muss, um den unvermeidlichen Konfliktsituationen zu begegnen. Je pluralistischer sich das Leben innerhalb wie außerhalb der Kirche entfaltet, desto wichtiger wird die reflektierte Auseinandersetzung im Pfarrberuf mit dem Thema Toleranz.

Dass Toleranz als hohes Gut des Menschen nicht selbstverständlich ist, sondern - mitunter mühsam - erlernt und eingeübt werden muss, darin bestand die größte Übereinstimmung während unserer Seminarwoche. Bildung durch Lernen und Vorbilder sowie die Bereitschaft zur Offenheit sind daher grundlegend für die Überwindung von Intoleranz und die Entwicklung eines wertschätzenden Zusammenlebens vieler Menschen in all ihrer Verschiedenheit.

Pfarrerin Dr. Anne-Kathrin Finke.